Eine Wahl mit Signalwirkung: Renommierter Architekturpreis geht nach Berlin
Ein Haus, das auf und um eine alte Lagerhalle eines Güterbahnhofs in Moabit herumgebaut wurde, mit fast wacklig leicht erscheinenden Stahlkonstruktionen, Treppen, teils wandhohen Fenstern, aber sichtbaren alten Ziegelmauern; mit einer neuen Dachterrasse, viel offenem Platz für gemeinschaftliches Arbeiten an der Kunst, der Stadtraumgestaltung, der Zukunft für alle: Das ist das ZK/U, das Zentrum für Kunst und Urbanistik, entstanden nach den Plänen des Berliner Büros Peter Grundmann Architekten. Jetzt hat das auf nur den ersten Blick so schlicht erscheinende Projekt den renommierten Deutschen Architekturpreis des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt erhalten.
Das ZK/U war nicht wirklich ein Überraschungssieger – schließlich stand der Bau als einer der zuletzt nur noch fünf Finalisten von 106 insgesamt bewerteten Projekten im Rennen. Und doch hat diese Preisvergabe Signalcharakter: Es ist ein konstruktiv detaillierter Bau, dessen Materialien bei einem eventuellen Abriss weitgehend sauber voneinander getrennt werden können. In Zeiten der auf das fieseste miteinander verklebten Verbund-Konstruktionen aus Kunststoffen, Stahl, Beton etc. keine geringe Aufgabe.
Überraschenderweise war das ZK/U in der Finalistenrunde die einzige Arbeit, die einen Weiterbau eines bestehenden Baus zeigte. Und das, obwohl der Weiterbau in der aktuellen Architektur-Rhetorik gemeinhin als das wichtigste baupolitische Mittel im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels, des Artensterbens und der Ressourcenverschwendung beschworen wird. Noch in der Shortlist von 25 Arbeiten waren Neubauten mit 20 Projekten überwältigend stark vertreten – was zeigt, wie Architektur in der Realität immer noch bewertet wird: nicht als Prozess, der auch über Jahrhunderte laufen kann, sondern als einmaliges Projekt, das nur aus dem Jetzt und Heute zu bewerten ist.
Sieben Wohnungen in zehn Tagen
Auch die anderen vier Arbeiten, die mit den Berlinern konkurrierten, sind Neubauten. In Köln zeigt eine bis in die Grundrisse hinein reizvolle Hinterhofbebauung eines aus 32 vorgefertigten Holzmodulen zusammengesetzten Hauses nach den Plänen des Büros Aretz Dürr: Man kann mit entsprechender Planung gut und schnell bauen. Hier sieben Wohnungen in nur zehn Tagen, allerdings ohne aufwändige und kostentreibende Keller, mit maximaler Vorfertigung aus Holz. Was die Ästhetik tangierte: So fein, geradezu amerikanisch anmutende Balkone die Kargheit der Architekturformen beleben – in großen Mengen kann das auch schnell öde wirken. Aber hier, in der belebten Innenstadtrandlage – großartig.

© retz Dürr Architektur / Foto: Luca Claussen Fotografie
Auch das „Robuste Haus“ von etal.in München ist nur ein bedingt universell einsetzbares Modell. Die „robuste“ Bauwerkstattästhetik mit leicht schräg gestellten Blechen unterhalb der Fensterbänder und schlicht wirkenden Holzwänden – nichts an diesem Bau ist wirklich schlicht, er ist sorgfältig konstruiert, aber soll eben simpel wirken – ist gewöhnungsbedürftig. Und die knappe Grundrissgestaltung, die in den Wohngemeinschaften für das individuelle Eigenleben nur den Minimalraum vorsieht und bei der sich zwei Wohnungen auch mal eine Küche teilen müssen, braucht auch entsprechend aktive Bewohner. Andererseits: Genau solch ein Zusammenleben über die Generations- und Sozialgrenzen hinweg wollen viele Menschen wieder, die in ihren viel zu großen Wohnungen vereinsamen.
Hild und K hat in München eine kaum anders als vorbildlich zu bezeichnende Anlage für die Unterbringung von Obdachlosen geplant – nicht als Simpel-Architektur, sondern als „Übernachtungsschutz“, der auch in den architektonischen Formen Würde verspricht. Und noch ein Berliner Projekt war in der Liste: Die nach Plänen von PPAG architects errichtete, mit ihren um eine große Halle angelegten „Cluster“-Bereichen aus Klassen- und Arbeitsräumen einer Kleinstadt gleichende Doppelschule in der Allee der Kosmonauten, die jeden Ausflug wert ist.

Hild und K
© Hild und K / Foto: Michael Heinrich
Kurz: Die Auswahl der Finalisten war überzeugend, der Sieger auch. Mehr kann nicht verlangt werden. Mit einem solchen Preis soll ja nicht das Allgemeingültige, sondern das Besondere ausgezeichnet werden, von dem wir alle lernen können. Man kann nur hoffen, dass die vom DAM am Wochenende eröffnete Ausstellung schnell nach Berlin geholt wird und hier die oft bis an Banalität simplifizierte Baudebatte beleben hilft.