Überflieger: Eine fantastische Ausstellung von Tatjana Doll
Gleich öffnen sich die Türen, dockt die Jetbridge an und startet das Boarding. Groß genug ist dieses, von Tatjana Doll gemalte Flugzeug ja, um sich den Einstieg lebhaft vorzustellen. In der Pariser Dependance der Galerie Droste Galladé muss man das elf Meter lange Bild abwandern, das dauert. Dabei kommen Fragen hoch: Wer sitzt hinter dem dunklen Fenster im Cockpit, gibt es da überhaupt jemanden? Und weshalb hat dieser Jet für seine Passagiere nicht ein einziges Fenster?
Der Widerspruch zwischen dem originalgroßen Motiv der Berliner Künstlerin und ihrer malerischen Abstraktion, die ein realistisches Objekt schließlich doch zu einer Komposition aus Farben und Flächen machen, ist offensichtlich. Doll malt den Alltag, übersetzt ihn jedoch zugleich in Kunst, wo es tropft und kleckert. Vermittelnd zwischen den Welten wirkt das visuelle Gedächtnis, von dem Doll auf YouTube in einem Video spricht: Was uns vertraut ist, wird erkannt und sofort eingeordnet. Selbst wenn die Leinwände, auf denen eines von Dolls Flugzeugen in Abschnitten dargestellt ist, nicht länger in der gewohnten Reihenfolge stehen wie im Hintergrund ihres sechsminütigen Interviews.

© Tatjana Doll, Flying Instruction 3,2026 / VG Bildkunst, Bonn 2026, Foto: Christian Koopmans/Galerie Droste Galladé
Im Untergrund
Der Film von 2022 zeigt sie in ihrem Berliner Atelier nahe dem Areal der Uferhallen, wo noch mehr Künstlerinnen und Künstler arbeiten. Damals bereitete Tatjana Doll ihre große Soloschau im Maschinenhaus des Kindl vor, das von einem deutsch-schweizerischen Sammlerpaar als öffentlicher Ausstellungsort im historischen Ambiente eröffnet wurde. Im Jahr zuvor bekam sie den Fred-Thieler-Preis, verbunden mit einer Ausstellung in der Berlinischen Galerie.
Der Werkschau im Kindl gab die Malerin den Titel „Was heißt Untergrund?“ – einen Satz, den man ebenso wörtlich wie symbolhaft nehmen kann. Dolls Untergrund, das ist stets die Leinwand, auf der neben Passagierflugzeugen auch Kampfjets, Sportwagen, ins Riesenhafte vergrößerte Tiere oder die Silhouette des Marlboro-Cowboys vor untergehender Sonne auftauchen. Doch darunter lauert immer etwas in den Bildern, das beunruhigt und Gefahr suggeriert. Nicht zuletzt, weil manche der Autos deutliche Spuren eines Unfalls zeigen.

© Tatjana Doll, “Von Marlboro zur Dresdner Bank”, 1998 / VG Bildkunst, Bonn 2026, Foto: Christian Koopmans/Galerie Droste Galladé
Alltag, leicht deformiert
Beides, die Monumentalität der Formate wie auch die Direktheit von Dolls Malerei, sorgt für Emotionen. Die Künstlerin rekonstruiert den Alltag in einer parallelen Welt noch einmal, wenn auch leicht deformiert. Man geht auf Distanz, blickt aus anderer Perspektive auf die von ihr gemalten Objekte, Worte oder Piktogramme.
Vor ihrem Flieger verwandelt sich das Versprechen grenzenloser Freiheit in ein Menetekel, basierend auf unserem hemmungslosen, die Umwelt zerstörenden Konsum. Und erst der Titel: „Von Marlboro zur Dresdner Bank“. Unwillkürlich fallen einem nun die zahllosen Sponsoren ein, die sich früher im Abglanz der zeitgenössischen Kunst sonnen wollten.
Das ist lange her, Unternehmen sind längst nicht mehr so kunstaffin wie um die Jahrtausendwende, und die Dresdner Bank mit ihrer einst spektakulären Sammlung gibt es nicht mehr. Dolls Gemälde hingegen erweist sich als resistent. Es trotz der Zeit und damit der Vergänglichkeit, auch wenn das Flugzeug vor orangem Hintergrund inzwischen weniger ein luxuriöses Versprechen auf die Eroberung des Himmels verkörpert als vielmehr die Allgegenwart von Billig-Airlines. Beides ist tief in unserem Gedächtnis verankert.
Aberwitzige Dimensionen
Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch die Wahl von Droste Gallandé. Parallel zur Messe Art Basel Paris, die wegen angekündigter Demonstrationen bereits am Freitagabend und damit zwei Tage vor ihrem eigentlichen Ende schließt, installierte die Galerie Dolls Bild in ihrer Dependance im 3. Arrondissement. Eine ungewohnte Entscheidung, präsentieren Galerien doch sonst eher brandneue Werke. Und ein finanzielles Wagnis: Wer hat schon Platz für ein Sujet von solchen Dimensionen, neben dem bloß noch ein paar kleine Papierarbeiten hängen, die jüngst entstanden sind und sich mit den Risiken des Fliegens befassen?
Die Schau ist ein Statement, das der Malerei von Tatjana Doll, Jahrgang 1970 und seit 2009 Professorin für Malerei an der Kunstakademie in Karlsruhe, entspricht. Ihre Bilder stellen sich in den Weg, wollen gesehen und in immer neuen Kontexten interpretiert werden. Immerhin ist in der Pariser Galerie noch das Werk „Why?“ untergekommen, das der Ausstellung ihren Titel gibt. Eine Frage, die fast drohend im Raum steht und nicht beantwortet werden kann.
Jedenfalls nicht eindeutig. Die Antworten mäandern, ändern sich mit den Dekaden ebenso wie mit der Perspektive auf Machtverhältnisse, gesellschaftliche Zustände und historisch gewordene Strukturen. Bloß das Motiv bleibt, mit dem Tatjana Doll ihre Fragen formuliert. Immer wieder aufs Neue für die Ewigkeit. Ein Bild, das dies aushält, stellt seine Qualität unter Beweis. Dank an Droste Galladé für diese Einsicht.