Tuchel polarisiert mal wieder: England braucht genau jetzt einen unbequemen Trainer
Thomas Tuchel hat den Ruf, mit anderen schnell aneinanderzugeraten. Ob mit Funktionären, dem Präsidenten eines Klubs, oder einzelnen Spielern. So soll er sich in Dortmund mit Aki Watzke angelegt haben, bei Paris Saint-Germain wiederholt mit Sportdirektor Leonardo, bei Bayern mit Uli Hoeneß. Wahrscheinlich wäre Tuchel länger beim FC Chelsea geblieben. Doch mit dem neuen Klubbesitzer Todd Boehly gingen die Vorstellungen über die Zukunft des Vereins zu weit auseinander.
Legendär sind mittlerweile Videoclips, in denen Tuchel Shawn Parker beim FSV Mainz 05 lautstark zusammenstauchte oder Timo Werner in seiner Zeit beim FC Chelsea.
Gemessen an diesen Szenen kommt die kürzliche Kritik des englischen Nationaltrainers an seiner Mannschaft fast schon zahm daher. Nach dem 2:1-Sieg über Norwegen im WM-Viertelfinale bezeichnete er die Leistung seiner Spieler als nachlässig und fehlerhaft. Sein Team habe mit Glück gewonnen.
Als diese Aussagen Jude Bellingham zugetragen wurden, reagierte er in der Hitze von Miami recht trotzig. „Vielleicht weiß er nicht, wie es ist, unter solchen Bedingungen gegen Erling Haaland, Martin Ødegaard, Antonio Nusa und Alexander Sørloth zu spielen. Das ist keine Mannschaft, gegen die man leicht spielt“, sagte der englische Nationalspieler nach seinem Doppelpack gegen Norwegen.
Er versucht, das Beste aus uns herauszuholen, und wir wissen, dass wir noch ein Level besser spielen können. Wir haben das gegen Norwegen nur in Ansätzen gezeigt.
Harry Kane, Englands Kapitän, über Thomas Tuchel
Nach diesem Samstagabend stellte sich in der Öffentlichkeit die Frage, ob es da ein Problem zwischen Bellingham und seinem Trainer gibt. Englands Kapitän Harry Kane war daher erst mal darauf bedacht, die Wogen zu glätten. „Er versucht, das Beste aus uns herauszuholen, und wir wissen, dass wir noch ein Level besser spielen können. Wir haben das gegen Norwegen nur in Ansätzen gezeigt“, sagte der 32-Jährige.
Und auch Tuchel ordnete seine Aussage schon auf der Pressekonferenz nach dem Spiel ein. Er betonte, dass es kein Problem mit der Mannschaft gebe und dass er sich von Herzen gefreut habe. „Aber in meinem Kopf bin ich auch immer Fußballtrainer“, sagte Tuchel. „Ich habe Dinge gesehen, wo wir uns das Leben unnötig schwer gemacht haben.“
Tenor bei beiden war also der, die ganze Sache nicht zu hoch zu hängen. Immerhin trifft England im Halbfinale am Mittwoch (21 Uhr/ARD und MagentaTV) in Atlanta auf Argentinien. „Wir spielen gegen eines der besten Teams der Welt. Das Gute ist doch, dass wir in einem Halbfinale stehen und immer noch das Gefühl haben, wir können es noch besser“, sagte Kane.
Die englische Presse war sich derweil uneins. Während die „Daily Mail“ titelte, „Warum Thomas Tuchel recht hatte, seine Spieler zu kritisieren“, stellten andere wie „The Athletic“ oder „The Guardian“ den Zeitpunkt der Kritik infrage. Letzterer forderte, dass sich die erhitzten Gemüter auf beiden Seiten schnell wieder beruhigen. Vor allem Tuchel müsse nun einen Weg finden, um sicherzustellen, dass die „Brüderlichkeit“ der englischen Nationalmannschaft „vor einem der intensivsten und emotionalsten Spiele seit Langem nicht auseinanderbricht“.
Tuchel wird geschätzt für seine Offenheit
Den englischen Verband dürfte dabei kaum überraschen, dass Tuchel kein Trainer diplomatischer Zwischentöne ist. Er ist bekannt und auch geschätzt für seine Offenheit in Interviews. Er hat es nicht so mit der klassischen englischen Zurückhaltung und scheut nicht, mit seiner Meinung anzuecken.
Public Viewing in Berlin Verfolgen Sie mit uns die Fußball-WM auf der Tagesspiegel-Tribüne!
Unter Southgate schien immer eine Winzigkeit zu fehlen zum ganz großen Wurf. Das letzte Detail aus einem Team herauszuholen, in K.-o.-Spielen zu performen, eine Mannschaft perfekt einzustellen – mental wie taktisch. Tuchel ist bekannt dafür, genau das zu können. Seine Zielvorgabe ist daher klar: Zum zweiten Mal nach 1966 den WM-Titel holen und nicht mehr nur nah dran sein.
Seit seinem Amtsantritt im Januar 2025 macht er genau das, wofür er geholt wurde: Er trifft mutige Entscheidungen und stellt den Erfolg des Teams über alles – ungeachtet der Interessen einzelner Spieler. So vielfältig die Kritik anfangs auch gewesen sein mag, umso größer erscheinen nun der Respekt und Rückhalt seitens der eigenen Fans.
Anfangs hatten sie auf der Tribüne noch „Thomas Tuchel, are we loud enough for you?“ gespottet, weil der 52-Jährige die fehlende Lautstärke bei einem Sieg in der WM-Quali gegen Wales moniert hatte. Mittlerweile singen sie auf den Tribünen der WM „Football’s coming home again with Tommy Tuchel!“.