Tierskulpturen im Kunsthaus Dahlem: Kühe im Wind von Ewald Mataré
Bei steifer Brise stellen sich Kühe auf der Weide so in den Wind, dass sie möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Den Kopf zur windabgewandten Seite, lassen sie die Luft vorbeisausen. Dem Bildhauer Ewald Mataré muss das gleich aufgefallen sein. „Windkuh“ nannte er seine erste Kuhskulptur 1923.
Hochbeinig, schlank und windschnittig steht sie da, zeigt nur von der Seite her ihre massige Körperlichkeit. Es sollte nicht die letzte bleiben: Kühe fesselten den Bildhauer, inspirierten ihn. Sie zu beobachten, wurden ihm niemals langweilig.
An ihnen erprobte er sein Formempfinden, frönte seinem Hang zur Perfektion und zur radikalen Vereinfachung, selbstkritisch bis zur Verzweiflung. Jetzt jährt sich sein Tod zum 60. Mal.
Verehrung für die Kuh
Das Kunsthaus Dahlem, spezialisiert auf Bildhauerkunst nach 1945, widmet Matarés Tierdarstellungen eine Soloschau. Die Kühe ruhen schwer und massig, sie grasen still oder stehen reglos einfach da. Sie sind die Stars im großen ehemaligen Arno Breker-Atelier. „Ein Tier … ganz ohne Gedanken, ganz Empfindung und damit erhebt es sich groß und rein, wir sind dualistisch in ewigem Hin und Wider mit unserem Intellekt und unseren Empfindungen. Ich kann so gut empfinden, dass man sie in Indien heilig verehrt,“ bemerkte der Künstler 1925.
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© Annegret Gossens, Kleve/VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Glatt und straff wie Handschmeichler lassen Matarés Werke die Blicke über ihre sanft gerundeten Volumen gleiten. Der Künstler pflegte eine entschieden haptische Auffassung seines Metiers: Jede Skulptur müsse so beschaffen sein, dass auch Blinde sie genießen könnten, schrieb er einmal. Er begann seine Arbeiten immer als Unikate in Holz, ließ später manches Stück als Bronze gießen, aber nur in kleinen Auflagen.
Glatt wie ein Handschmeichler
Begonnen hatte der in Aachen Geborene als Maler, mit Studium an der Berliner Akademie und im Privatatelier von Lovis Corinth. Aber all das brachte ihm nichts. Überdies fehlt das Geld, die Lage blieb prekär. Beim Rückzug an der Ostsee sammelte Mataré aus Materialmangel Schwemmholz und kerbte daraus Druckstöcke für seine ersten Holzschnitte. So entdeckte er das Schnitzen und blieb dabei.

© Paul and Virginia Fontaine Papers and Art Collection, Harry Ransom Center, The University of Texas at Austin
Unter den rund 80 ausgestellten Arbeiten sind auch einige Holzschnitte und kunsthandwerkliche Stücke, etwa ein gewebter Wandteppich, natürlich mit ornamental verknappten Kühen, und ein eleganter Intarsientisch.
Die darauf ins geometrisch Abstrakte verflochtenen Tiergestalten entdeckt man erst auf den zweiten Blick. Das Gros der Exponate kommt aus dem Nachlass im Museum Kunsthaus Kleve, wo letztes Jahr die erste Mataré-Retrospektive seit langem lief. Nun sind die Topstücke auf Tournee.
Lehrer Joseph Beuys
„Viele Nachlasskisten sind noch gar nicht aufgearbeitet“, erzählt Philine Pahnke vom Kunsthaus Dahlem. Zahlreiche Fragen bleiben näher zu erforschen, etwa das Verhältnis zu seinem berühmtesten Schüler Joseph Beuys. Auch der hatte einen speziellen Bezug zu Tieren.
Mataré selbst aber ist etwas aus dem Fokus der Kunstwelt geraten. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs zählte er zu den wichtigsten Künstlern in Westdeutschland und bekam zahlreiche öffentliche Aufträge, insbesondere von Kirchen.
Seine jetzt gezeigten Tierplastiken schuf Mataré frei, aus eigenem Antrieb und ohne Vorgaben. Das früheste Stück ist eine Katze aus Bernstein, drei Zentimeter hoch. Am Ende der Reihe kleiner Preziosen steht ein Biberchen, gegossen aus Silber im Jahr vor Matarés Tod.
Unspektakuläre Tiere nahm er sich am liebsten vor, keine eleganten Exoten aus dem Zoo, wie andere Bildhauerkollegen. Seit Ende des 19. Jahrhundert war die plastische Tierdarstellung zu Beliebtheit gekommen, nachdem jahrhundertelang hauptsächlich hohe Rosse für Reiterstandbilder gefragt waren.
Der Berliner Secessionist August Gaul machte mit seinen lebensnah beobachteten Tierdarstellungen Furore, in enormer Biodiversität der Arten. Ewald Mataré war von einem anderen Schlag. Er blieb bei der Kuh, im Wesentlichen, auch wenn ein paar Pferde und Hähne mit von der Partie sind.
Zwischendurch mal ein Hahn
Oben auf der Galerie des Kunsthauses Dahlem setzen die Collagen und Assemblagen der Berliner Bildhauerin Pomona Zipser einen zeitgenössischen Kontrapunkt. Auch sie sammelt Fundholz, aber auf Straßen, nicht am Strand. Statt es perfekt zu glätten, konstruiert sie daraus schroffe, staksige Gebilde, die ihre Bruch- und Verbindungsstellen offenlegen.
Eine Arbeit heißt: „Kämpferische Attitüde angesichts einer Baustelle“. Auf ihrer Gratwanderung zwischen Abstraktion und Figürlichkeit begegnen Zipsers Arbeiten den ganz anders gearteten Mataré-Plastiken, die ebenfalls die Schwelle zum Abstrakten streifen.
1938 standen fünf seiner Kühe auf einem Tisch im Schloss Niederschönhausen. Die nationalsozialistische Beschlagnahmeaktion Entartete Kunst hatte sie aus Museen entführt, nun bot man sie international agierenden Kunsthändlern zum Verkauf gegen Dollars.
Organisatorisch beteiligt war der Autor Hugo Kükelhaus. Er zeichnete die Exponate, notierte die Künstlernamen dazu. Ein Werk van Goghs etwa lehnt achtlos an der Wand. Matarés Kühe stehen stoisch still, auch im Gegenwind der skrupellosen nationalsozialistischen Kulturpolitik. Kükelhaus schenkte seine Zeichnungen dem befreundeten Bildhauer und behauptete, er habe sie nachts heimlich angefertigt, was sich später als Lüge herausstellte. Auch sie sind jetzt im Kunsthaus Dahlem zu sehen.