„Tatort“ aus Wien mit Fellner und Eisner: Prekäre Jugendliche, empathische Ermittler
Von wegen „Sonnenhof“: Was für die jungen Bewohner eine letzte Chance vorm Absturz auf der Straße sein soll, endet für den Leiter der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft tödlich. David Walcher wird vor dem „Sonnenhof“ erschlagen aufgefunden. Der Verdacht fällt auf den 16-jährigen Cihan, der ein einschlägiges Gewaltregister aufweist und seit der Tat verschwunden ist. „Tatort: Gegen die Zeit“ (Sonntag, ARD, 20:15 Uhr).
Vorletzter, 38. Fall mit den Ermittlern Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser), die sich hier als eingespieltes Duo an einer Jugendwohngruppe samt deren Betreuern die Zähne ausbeißen und (fast) an die Grenzen ihrer Empathie geführt werden.
Das Opfer Walcher hatte nicht viele Freunde. Gewalttätig bei seiner Ex-Frau, galt er im „Sonnenhof“ als Hart-aber-fair-Pädagoge, der sich mit seinen Kollegen, vorsichtig ausgedrückt, auch nicht grün war.
Wer brachte den Leiter um? Einer der Jugendlichen, der bei Drogengeschäften gestört wurde? Ein Kollege? Der Nachbar, Typ Reichsbürger, der sich von den vor seinem Grundstück herumlungenden Jungen gestört fühlt? Walchers Ex-Frau gar?
Eisner und Fellner tauchen ein in die schwierige und manchmal auch verschlossene Welt der Sozialarbeiter. Mit Verletztheit, Disziplin, Überlebenswillen und auch Rassismus, was viel Entschlossenheit und Einfühlungsvermögen im Verhör verlangt. Und Duldsamkeit beim Zuschauer.
Es geht nicht um Strafe, sondern um Heilung.
Harald Krassnitzer über den Wert der Sozialarbeit bei Jugendlichen
Das ist schwerer Stoff. Man hat schon größere Spaß-Krimis gesehen, auch wenn sich Regisseurin Katharina Mückstein (Buch mit Hermann Schmid) eines dramaturgischen Kniffes bedient, der in jüngeren TV-Krimis in Mode gekommen ist, gerade auch bei Verhören.
Immer, wenn eine Person ihre Version der Geschichte erzählt, wird das für die Zuschauer szenisch dargestellt, oft auch mit der Person und dem Zuhörer (hier den Ermittlern) im gleichen Raum.
Seeing is believing?
Das versetzt die Ermittler ins Geschehen wenige Stunden vor der Tat, in das Erlebte der Jugendlichen und ihrer Betreuer. Spielen auf verschiedenen Zeitebenen, die das klassische lineare Erzählmuster aufbrechen. Was man sonst nur im Kopf durchspielt, zeigt sich hier im Bild.
Eine Form der Empathie, was aber eben oft auch trügerisch, weil gelogen sein kann. Stichwort: unzuverlässiges Erzählen. Seeing is believing? Hitchcock hat sich einen Spaß daraus gemacht.
So gesehen bekommt dieser vorletzte, doppelbödige Fall mit Moritz Eisner und Bibi Fellner seinen Platz in der „Tatort“-Geschichte, auch wegen der großen Empathie mit den stigmatisierten Brennpunkt-Jugendlichen, der Wertschätzung von Sozialarbeit, sowie dem irreführenden Titel: „Gegen die Zeit“, was nach Geiselnahme oder Bombendrohung klingt. Nichts dergleichen. Stattdessen ein sehr bemerkenswertes, ruhiges Schlussbild auf der Straße um die beiden Ermittler herum..
Zum Abschied das nächste Mal dürfen es die Wiener aber wieder ein bisschen mehr krachen lassen. Gerne auch mit einem politisch brisanten Fall, wie wir es vom „Tatort“ aus Österreich gewohnt sind.