Stimmen aus dem Wald: „Experimentalmusik ist längst nicht mehr nur Gegenkultur“

Es gibt in Lettland ein vielen älteren Menschen noch bekanntes Märchen: Früher einmal, besagt es, hätten die vielen Seen, die das Land kennzeichnen, am Himmel gehangen. Sie alle trugen geheime Namen, das Geheimnis hielt sie gewissermaßen in der Schwebe. Bis sich jemand versprach, im Schlaf murmelte oder lallte und so versehentlich einen dieser Namen aussprach. Wann immer das geschah, fiel der betroffene See herunter, begrub Dörfer, Straßen, was auch immer unter ihm gelegen haben mag für immer unter Wasser. Es ist ein Schöpfungsmythos, der die Entstehung des Landes auf die Angst davor zurückführt, das Falsche zu sagen.

Viestarts Gailitis, den Erfinder und Organisator des Skanu Mezs (Wald der Klänge), plagt solche Angst offenbar nicht. Seit 2003 veranstaltet er ein Festival, das die Grenzen des mit musikalischen Mitteln Sagbaren auslotet. Vielleicht regnet und stürmt es ja deshalb so eindrucksvoll an den drei Festivaltagen in Riga, dass die Festivalleitung ihre Künstler:innen vor herunterkommenden Ästen und Dachziegeln warnen muss.

Ungebändigter Ausdruck

Aus dem Sagen, Sprechen, Schreiben über Musik ist das Festival einmal hervorgegangen, erzählt Gailitis, der zuvor Journalist war. Als Reaktion auf die kommerzielle Vereinheitlichung der elektronischen Musik der Neunziger sollte Skanu Mezs eine Plattform für Gegenkultur und ungebändigten Ausdruck werden, nach dem sich das ganze Land mehr als ein halbes Jahrhundert lang unter Sowjetdiktatur gesehnt hatte. Mittlerweile, so Gailitis, ist Expermentalmusik längst nicht mehr nur Gegenkultur, sondern auf allen Ebenen der Musikwelt angekommen.

Auch den Londoner Daniel Blumberg plagen solche Ängste nicht. Kaum im spärlichen Licht eines einzigen Spotscheinwerfers zu erkennen, bewegt sich seine von Ferne zierlich wirkende Gestalt einem eingesperrten Tier nicht unähnlich auf und ab vor drei Mikrofonstativen. Lange bevor er einen Ton von sich gibt, erreicht seine Performance eine Intensität, für die andere Acts gigantische Technik und Lautstärke auffahren müssten. Die Mikrofone haben verschiedene Aufgaben: Eines gibt seine zerbrechlich knabenhafte Stimme nur mit Hall aufgehübscht wieder.

Hält sein Publikum in Atem: Daniel Blumberg mit Mundharmonika.
Hält sein Publikum in Atem: Daniel Blumberg mit Mundharmonika.
© Skanu Mezs / Elīna Matvejeva/Elīna Matvejeva

Spielt er einen Ton auf seiner Mundharmonika in das benachbarte, ertönt die als markerschütterndes Donner-Drone aus den Lautsprechern, höllisch laut und mehrere Oktaven tiefer. Das dritte Mikro gibt schließlich sein Signal an einen zerrenden und rauschenden E-Gitarren-Verstärker weiter. Tritt Blumberg kräftig auf den Bühnenboden, ertönen zuvor aufgenommene Schlagzeugklänge aus dem Off – oder er bedient Looper, Sampler und Delay-Effekte it seinen Füßen. Was auf dem Papier nach einer Ein-Mann-Band mit erweiterten Features aussehen mag, ist musikalisch irgendwo zwischen klassischer Neuer Musik und freier Improvisation angesiedelt.

Experimentalmusik ist längst nicht mehr nur Gegenkultur

Viestarts Gailitis, Skanu-Mezs-Gründer

In lang gehaltenen Pausen hält allein seine Körperspannung das Publikum in Atem, bis es einmal nicht mehr kann und irgendwo jemand zu klatschen beginnt, was Blumberg sofort mit einem lauten „No!“ quittiert. Live, sagt er, müsse live sein, also lebendig und unvorhersehbar. Um zu verhindern, dass er doch bloß irgendeine Routine abspult, baut der Multiinstrumentalist ständig die Technik um, ist mal mit Klavier, mal mit Synthesizer, Gitarre, Mundharmonika auf der Bühne, lädt sich ständig wechselnde Mitmusiker:innen zur Improvisation ein.

Zarte Klänge vom unverstärkt spielenden Mivos Quartett.
Zarte Klänge vom unverstärkt spielenden Mivos Quartett.
© Skanu Mezs / Elīna Matvejeva/Elīna Matvejeva

Die Lautstärke die er, und mehr noch die Bands vor ihm schon gesetzt haben, ist für das darauf folgende, delikat unverstärkt spielende Mivos Streichquartett eigentlich zu viel, das heißt: Schon das erste Werk, Henry Threadgills lebhaftes „Six Five Two“ hätte man gerne ohne Publikum gehört. Der zweite Satz von Chicako Morishitas „Doll Time“, mit vielen pianissimo gespielten Flageoletts, leidet unter dem Kommen und Gehen, dem Getuschel, Geraschel, Gequietsche der Türen.

Die Musik konfrontieren

Hätte man es also besser lassen sollen? Hätte man nicht, denn dann wäre man um die ungewohnte Erfahrung ärmer, zeitgenössische klassische Musik einmal außerhalb ihrer Schutzräume zu erleben, in denen jedes Husten als Affront gilt. So wird nicht nur das Publikum ungewohnten Klängen ausgesetzt, sondern auch die Musik ungewohnten Situationen.

Das letzte Stück des Quartetts, George Lewis‘ „Playing with Seeds“, wirkt, dank seiner fast synthetisch klingenden Glissandi, wie eine angedeutete Überleitung zum Elektronischen, das dann aber alles andere als zart einsetzt: Dieser Bruch, vom Mivos Quartett zum Headliner Amnesia Scanner, wird noch am Folgetag Gesprächsthema Nummer eins sein. Als das deutsch-finnische Duo mit Stroboskop-Blitzen und Tiefbass-Kicks in die Magengrube einsetzt, löst sich das Sitzkonzert auf. Die etwas unbequeme, aber flexible Klappbestuhlung macht endlich Sinn als sie in wenigen Minuten einem gewaltigen Moshpit Platz macht und der Klangwald zum Club wird.

Machen den Konzertsaal zum Club: Amnesia Scanner.
Machen den Konzertsaal zum Club: Amnesia Scanner.
© Skanu Mezs / Elīna Matvejeva/Elīna Matvejeva

Schon am Freitag, am Abend zuvor, gab es einen vergleichbaren Stilbruch zwischen der brillianten japanischen Elektro-Solistin Phew und dem unmittelbar anschließenden Free-Jazz-Trio Joe Morris (Gitarre), William Parker (Bass), Hamid Drake (Schlagzeug). Nach Phews statischen Flächen und minimalistischen Ein- und Ausblendungen dominiert hier eine groovende Rhythmussektion das Geschehen, über der Gitarrist Morris sich solistisch gehen lassen, Texturen und Sequenzen ablegen kann, mal perkussiv, mal melodisch, dann wieder, mit Banjo-Ukulele zur Hand, countryesk. Aber nur bis Parker plötzlich den Bass gegen eine Flöte tauscht, mit der das Ganze fast in eine atonal spritistische Sitzung zu kippen droht, die irgendeinen deus ex machina beschwören könnte. Anschließend verwandelt Coby Sey den Konzertsaal, wie tags drauf Amnesia Scanner, in einen Club.

Meisterin von Timing und Drama: Phew.
Meisterin von Timing und Drama: Phew.
© Skanu Mezs/Arturs Pavlovs

Mit Flöte unterm Arm könnte jemand, der zuvor den beeindruckenden Applaus Phews hört, eingeschüchtert auf die Bühne gehen. Nicht aber bei Skanu Mezs, wo alle Beiträge radikal individualistisch und gleichermaßen extrem sind im Hinblick auf ihre künstlerische Konsequenz. Anders, als uns manche Starmacher-Fernsehshow weiß machen will, ist das im Showbiz angeblich übliche Konkurrenzgehabe hier auch hinter den Kulissen Fehlanzeige.

Coby Sey und Band
Coby Sey und Band
© Arturs Pavlovs

Wer nicht um die Gunst des Publikums konkurriert, muss sich ihm auch nicht anbiedern. Klingt vielleicht paradox, aber genau das schätzt das Publikum. In Zeiten algorithmisch generierter Playlisten, die immer nur Ähnliches mit Ähnlichem verknüpfen, personalisierter Werbung und einer Informationswelt, die den Menschen stets an die Hand nehmen will, ist es unendlich erleichternd, einer Show beizuwohnen, die nichts von einem will, die einen nicht „immersiv“ einzulullen und mit Klischees zu betäuben versucht.

Die Musik spricht für sich

Vielleicht ja, weil das Skanu Mezs selbst aus einem kritischen Musikdiskurs hervorgegangen ist, gibt es sich keine thematischen Aufhänger, verzichtet auf Ankündigungen mit schlecht geschriebenen Erklärtexten, hippes Marketing oder ein offensichtliches Vermittlungsprogramm. Die Musik soll für sich selbst sprechen – und das funktioniert erstaunlich gut. Der grenzüberschreitende Stil- und Publikumsmix wirkt selbstverständlich.

Das Kinderensemble aus dem Lyra-Workshop performt Zytynska und Ablinger.
Das Kinderensemble aus dem Lyra-Workshop performt Zytynska und Ablinger.
© Skanu Mezs/Arturs Pavlovs/Arturs Pavlovs

Und obwohl es am Sonntag ein eigenes Kinderprogramm gibt (u.a. mit einem begeistert performenden Kinderensemble unter der Leitung von Sylwia Zytynska und Peter Ablinger) –, tanzen eben auch schon am Vorabend bei Blumberg Zehnjährige in den vordersten Reihen zu einer Musik, von der man hierzulande meinen würde, dass man sie bunter und einfacher machen müsse, bevor man sie auf Kinder losließe.

Klanginstallation im Foyer von Billiana Vouchkova
Klanginstallation im Foyer von Billiana Vouchkova
© Skanu Mezs/Arturs Pavlovs
Eröffnungsperformance: Während Maria Chavez performativ Platten zerstört (im Hintergrund), bearbeitet ihr Duopartner Jordi Wheeler den Flügel.
Eröffnungsperformance: Während Maria Chavez performativ Platten zerstört (im Hintergrund), bearbeitet ihr Duopartner Jordi Wheeler den Flügel.
© Skanu Mezs/Arturs Pavlovs