Schriftstellerin Monika Helfer gestorben: Ihre Bagage hat sie berühmt gemacht

Als Monika Helfer vor ein paar Jahren von der Zeitschrift „Chrismon“ gefragt wurde, ob sie den Tod fürchten würde, war sie sich unsicher, die Frage sei unbeantwortbar. Sie habe jedenfalls schon vor langer Zeit beschlossen, sich mit dem Tod anzufreunden, dieser könne nie das Ende sein.
2003 verunglückte die Tochter
Tatsächlich ist Helfer der Tod häufig und viel zu früh in ihrer Familie begegnet: Ihre Mutter starb, da war sie elf Jahre alt, ihr sechs Jahre jüngerer Bruder Richard nahm sich im Alter von dreißig Jahren das Leben. Und am schlimmsten dürfte sie der Tod ihrer Tochter Paula getroffen haben: Paula Köhlmeier, eins der zwei Kinder von Helfer mit ihrem Mann, dem österreichischen Schriftsteller Michael Köhlmeier, verunglückte 2003 im Alter von 21 Jahren bei einer Wanderung.
Vielleicht hat diese Freundschaft mit dem Tod damit zu tun, dass Helfer das Glück und die Fähigkeit hatte, sich literarisch mit diesen ihren Todesfällen auseinanderzusetzen und ihre Liebsten so noch einmal zum Leben zu erwecken.
In ihrem Roman „Bevor ich schlafen kann“, der 2010 erschien, freundet sich eine alt werdende, von viel eigenem persönlichem Unglück verfolgte Psychiaterin mit einem zwölfjährigen Mädchen an, Paula Köhlmeier, ganz offensichtlich die Tochter von Monika Helfer und ihrem Mann Michael. Diese hilft der Ärztin, mit sich selbst wieder besser zurechtzukommen. Der Roman ist nicht zuletzt ein gleichermaßen zartes wie eindringliches Porträt von Paula. Auch den Todessturz der jungen Frau deutet Helfer an: „Des Waldes Dunkel zieht mich an, doch muss zu meinem Wort ich stehen und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann.“
Helfer, die 1947 in Au in Vorarlberg geboren wurde, war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Romans schon eine profilierte, in ihrer Heimat mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Autorin. Ihr Debüt aus dem Jahr 1977, „Eigentlich bin ich im Schnee geboren“, war mit Illustrationen ihres Bruders versehen, und ihr erster Roman erschien ein paar Jahre später, „Die wilden Kinder“. Wenn man so will, ein für ihr folgendes Werk fast programmatischer Titel.
Denn Helfer legte ein besonderes Augenmerk auf Kinder, auf deren Widerstandskraft und Lebenswillen, so wie beispielsweise in ihrem Roman „Oskar & Lili“ über zwei tschetschenische Flüchtlingskinder und ihre Mutter, die in Österreich schnell auseinandergerissen werden. Der Roman wurde 2020 auch verfilmt.
2020 ist Monika Helfer dann über Österreich hinaus bekannt geworden und hierzulande zur Bestsellerautorin und Dauergast bei den Nominierungen für den Deutschen Buchpreis, zuerst mit ihrem Familienroman „Die Bagage“. Darin erzählt sie, basierend auf den Kindheitserinnerungen einer Tante, die Geschichte ihrer Vorarlberger Großeltern und deren Kinder, insbesondere die ihrer Mutter Grete. Das macht Helfer ganz offen als sie selbst und Ich-Erzählerin – und doch so literarisch, dass die Grenzen zwischen Autobiografie und Fiktion kaum auszumachen sind.
„Die Bagage“ ist, obwohl ein schlankes, auf knappstem Raum erzähltes Buch, ein großer historischer Roman, aber auch ein Totenbuch, mit dem Helfer wie nebenbei auch ihrem Onkel Lorenz ein kleines Denkmal gesetzt hat. Lorenz war es, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Verantwortung für die „Bagage“ übernahm, nachdem der Großvater gestorben war. Doch ein langes Leben war auch ihm nicht beschieden, er wurde im Alter von 50 Jahren in Bregenz von einem Auto überfahren.
Bücher über Vater und Bruder
Auf „Die Bagage“ folgten zwei weitere autofiktionale Bücher: das über ihren Vater, „Vati“, der ein nicht gerade fürsorglicher und eher lebensuntüchtiger Mensch war, dafür aber in Bücher vernarrt. Und, viel trauriger, hinreißender, voller Liebe und Menschenfreundlichkeit, das über ihren Bruder Richard, „Löwenherz“ betitelt, einen großen Geschichtenerzähler, „Schmähtandler“, wie man ihn im Vorarlberg nannte, und Hans-Guck-in-die-Luft. Seine Devise laut der Schwester: „Die Welt einfach nur anschauen. (…) Am Ende werden wir alle sagen: Wir haben zu viel getan und zu wenig geschaut.“
All diese Bücher, auch ihr letzter Roman „Die Jungfrau“ über eine Freundin, oder die wunderbaren Kürzestgeschichten „Wie die Welt weiterging“, demonstrieren, mit was für einer Hingabe an das Leben Helfer zu Werke ging und wie groß ihr Sinn für literarische Schönheit war. Auf den eigenen Tod scheint sie sich nun nicht vorbereitet haben zu können. „Überraschend“ sei sie nach einem Sturz gestorben, teilte ihr deutscher Verlag Hanser am Sonntagnachmittag mit. Monika Helfer wurde 78 Jahre alt.