Plünderung Roms im Jahr 455: Vandalen ohne Vandalismus
Wenn im Petersdom jemand auf den Altar uriniert, ist der Begriff da: Vandalismus. So geschehen im Herbst vergangenen Jahres, als sich ein Mann vor Hunderten entsetzter Besucher auf dem Hauptaltar unter Berninis Baldachin erleichtert.
Das Wort Vandalismus führt in die Zeit von 455 n. Chr. zurück. Und die Männer, deren Name später zum Schimpfwort wird, kommen nicht nach Rom, um Altäre zu beschmutzen.
Die spätantiken Chronisten liefern den Rohstoff für den schlechten Ruf. Prokop erzählt, Vandalen-König Geiserich habe den Kaiserpalast ausräumen lassen und sogar das vergoldete Dach des Jupitertempels abgedeckt.
Andere Nachrichten lassen ahnen, dass der Raubzug nicht lautlos verlief: Häuser und Villen wurden durchsucht, wer Schätze versteckte, riskierte den Tod. Monumente wurden beschädigt, weil man ihnen wertvolle Verkleidungen abriss.
Aus einem Raubzug wird sinnlose Zerstörung
Aus solchen Sätzen lässt sich ein Schreckensbild bauen. Und genau das geschieht. Aus Geiserichs Plünderung wird im Lauf der Zeit „Vandalismus“. Aus einem Raubzug wird das Bild einer Horde, die Kultur nicht versteht und deshalb zerstört.
Dabei ist die Wirklichkeit, als Geiserich 455 vor Rom steht, wesentlich nuancierter. Die Vandalen treffen auf eine Stadt, die politisch so gut wie erledigt ist.
Kaiser Valentinian III. wurde ermordet. Auf den Thron drängt Petronius Maximus. Er zwingt Valentinians Witwe Licinia Eudoxia zur Ehe und verheiratet ihre Tochter Eudocia mit seinem Sohn Palladius, obwohl Eudocia eigentlich Geiserichs Sohn Hunerich versprochen gewesen sein soll.
Damit greift Maximus ins Machtgefüge ein. Eine Verbindung mit der Kaiserfamilie hätte den Vandalenkönig aufgewertet. Für Maximus ist das ein Problem. Manche Quellen erzählen sogar, Eudoxia selbst habe Geiserich nach Rom gerufen, um sich an Maximus zu rächen.
Ob das stimmt, bleibt unklar. Aber Geiserich braucht diesen Ruf gar nicht. Der Westen ist schwach, der neue Kaiser unbeliebt, das alte Abkommen mit seinem Haus gebrochen.