Pedro Almodóvars neuer Film „Bitteres Fest“: Von der Kunst, uns zu Tränen zu rühren
Asthma, Rückenleiden, Tinnitus, Depressionen – die Krankenakte des Regisseurs in „Leid und Herrlichkeit“, Pedro Almodovárs autofiktionaler Tragikomödie von 2019, konnte sich sehen lassen. Sein neues Alter Ego Raúl im metafiktionalen Melodram „Bitteres Fest“ setzt die Liste mühelos fort, erst recht im Verbund mit seinem Film-im-Film-Alter-Ego, der Regisseurin Elsa: Sie leiden unter Migräne, Magen-Darm-Problemen, Panikattacken und nachlassender Kreativität.
Denk an deine Darmspiegelung und deinen Endokrinologen-Termin, ermahnt Raúls Assistentin Mónica den sensiblen Filmemacher, um ihm am Ende sein Selbstmitleid um die Ohren zu hauen. Und seinen Vampirismus, die schlimmste Krankheit von allen.
Kunst und Leben, wie nahe stehen sie sich? Pedro Almodóvar hat noch nie einen Hehl aus den biografischen Anteilen seiner mittlerweile zwei Dutzend Werke gemacht, von der Beziehung zu seiner Mutter („Alles über meine Mutter“) und seinem kritischen Verhältnis zum Katholizismus („La mala educación“) bis zu seiner Homosexualität und den Bohéme-Anfängen in der Franco-kritischen Movida-Szene der Achtzigerjahre („Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“, „Das Gesetz der Begierde“) .
Das eigene Leben als Stoff, kein Problem. Aber was ist, wenn der Künstler sich der Schicksale seiner Liebsten bedient? Wo schlägt die Inspiration ins Parasitäre um? Der verschachtelte Plot von „Bitteres Fest“ dreht sich um genau diese moralische Frage.
Verschachtelter Plot mit Film im Film
Der Künstler als Täter: Rául (Leonardo Sbaraglia, in „Leid und Herrlichkeit“ der frühere Liebhaber des Regisseurs) sitzt 2025 am Laptop und schreibt ein Drehbuch. Die 2004 angesiedelte Story der gestressten Werbefilmerin Elsa (Bárbara Lennie) dümpelt vor sich hin. Elsa hat den Tod ihrer Mutter nicht verwunden und wird bei jedem Migräneanfall von ihrem Lover Bonifacio (Patrick Criado) – tagsüber Feuerwehrmann, nach Feierabend Stripper – ins Krankenhaus gefahren, nun ja. Bis Assistentin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón) dem Autor erzählt, dass der Sohn ihrer Partnerin an einem Tumor gestorben sei und diese einen Selbstmordversuch unternommen habe.
Gute Idee: Raúl hatte seine ebenfalls an einem Filmscript arbeitende Protagonistin gerade mit ihrer Schwester nach Lanzarote geschickt. Jetzt fügt er die entscheidende Episode hinzu. Die Schwester reist wütend ab, als sie bemerkt, dass Elsa ihre Ehekrise für ihre Fiktion ausschlachtet. Stattdessen kommt Elsas Freundin Natalia (Milena Smit) auf die Insel. Deren kleiner Sohn kam bei einem Autounfall ums Leben, und auch Natalia versucht, sich das Leben zu nehmen.
Nicht nur Ráuls Film nimmt endlich Fahrt auf, sondern auch der von Almodóvar. Die bislang gediegenen Bilder werden auf Lanzarote mit wilder Farbästhetik aufgeladen. Bei Almodóvar sind die Farben immer ein Fest für die Sinne, jetzt beginnen sie zu tanzen, zu explodieren. Mit gestreiften gelben Badetüchern am schwarzen Strand, poppigen Outfits, einem rosa Flamingo-Schwimmring und knallrotem Mietwagen samt ebenso rotem Kleid vor der Lava-Kulisse der Insel.
Als Mónica von der dem Drama ihrer Freundin entlehnten Plotwendung erfährt, wird sie zur Furie und droht Raúl mit Klagen. Vor allem tritt sie eben jenen Film mit detaillierter Kritik in die Tonne, den unsereins gerade sieht, und zieht Rückschlüsse auf Raúls miesen Charakter. Mit dem Ergebnis, dass er das Skript nochmals umschreibt und Mónica einbaut. Einmal Vampir, immer Vampir.
Persönlichkeitsrechte versus Kunstfreiheit: Man denkt an den Gerichtsprozess um Maxim Billers „Esra“ oder die gescheiterte Klage des Galeristen Johann König gegen Christoph Peters‘ Roman „Innerstädtischer Tod“. Und an Filme über Schaffenskrisen, von Fellinis „Achteinhalb“ über „Barton Fink“ von den Coens und Woody Allens „Deconstructing Harry“ bis zu „Adaption“ mit Nicolas Cage.