„Wer hier plant, hat nichts begriffen“: Tabuzone Reichskanzleibunker

Wer will auf einem Grundstück leben, auf dem die Unterdrückung und Ausplünderung der Welt, der Tod von etwa 54 Millionen Menschen konzipiert wurde, darunter sechs Millionen Juden und 3,5 Millionen sowjetische Kriegsgefangene? Also dort, wo einst die Neue Reichskanzlei Hitlers stand – im Bild oben die Ruine 1946? Nun, es scheint eine Klientel zu geben. Ein Hamburger Spekulant will jedenfalls genau hier, in der Voßstraße in Berlin Mitte, Büros und 64 Wohnungen bauen. Und dafür die letzten Reste des „Führerbunkers“ abräumen. Am Mittwoch protestiert der großartige Verein Unterwelten gegen das Projekt.

Es handelt sich um Nebenanlagen jener Bunker, die Hitler seit 1935 bauen und in zwei Abschnitten erweitern ließ. Den Hauptbunker versuchte schon die Rote Armee zu sprengen. Die Reste wurden in den 1980er-Jahren abgeräumt oder verfüllt für die Wohnbauten an der Wilhelmstraße. Sie wurden sehr teuer, 2,2 Meter Beton waren zu brechen. Das schreckt den Hamburger offenbar nicht, er hat die Grundstücke über Jahre erworben. Wann ist dieses einstige Staatsland eigentlich privatisiert worden?

Überraschung I: Bausenator Christian Gaebler unterstützt das Projekt. Obwohl seine Partei, die SPD, sich sonst ungern übertreffen lässt in Erinnerungsfragen. Aber hier gehe es ja um Wohnungsbau, auch sei ein Pilgerort für Nazis zu verhindern. Was für ein Unsinn. Dieses Spekulationsprojekt wird die Wohnungsnot der Berliner Mittelschicht nicht mal lindern. Und dass es diese Bunkerreste gibt, kann man dank Unterwelten e. V. seit zwei Jahrzehnten auf einer großen Informationstafel erfahren. Hitlers Geist beschwörende Nazis marschierten bisher nicht auf.