Neues soziales Netzwerk aus Europa : Kann W Social das neue Twitter werden?
Elon Musks Plattform X erlebt eine Austrittswelle. Mal wieder. SPD, Grüne und Linke haben das soziale Netzwerk verlassen. „Wir legitimieren durch unsere Anwesenheit ein System, das ganz einseitig darauf ausgerichtet ist, die AfD zu pushen und die Demokraten zu schwächen“, sagte Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge.
Während unter dem Hashtag „#WirVerlassenX“ immer mehr Nutzer der Plattform den Rücken kehren, wurde in Europa jüngst ein Konkurrenzprodukt lanciert: W Social. Das schwedische Medien-Start-up, das von der früheren Ebay-Managerin Anna Zeiter gegründet wurde, will sich als europäische Alternative zu X etablieren. Ein Kurznachrichtendienst, der unabhängig ist und ausschließlich auf europäischen Servern gehostet wird. Das Versprechen: keine Bots, nur echte Menschen.
Personalausweis und Gesichtsscan
W Social soll einen vertrauenswürdigen Raum schaffen, in dem Nutzer ohne algorithmische Empörungsmaschinerie diskutieren können. Seit dem 9. Mai läuft die Testphase, im Juni soll die Beta-Version starten. Nutzer, die sich für das soziale Netzwerk anmelden wollen, müssen sich über eine eigene App mit Personalausweis und Gesichtsscan identifizieren, wobei anonyme Accounts weiter möglich sind.

© W Social
Das Start-up hat im Vorfeld kräftig die Werbetrommel gerührt und sich mit dem früheren Vizekanzler und FDP-Wirtschaftsminister Philip Rösler sowie der Bundesdatenschutzbeauftragten Luisa Specht-Riemenschneider prominente Unterstützung an Bord geholt. Gründerchefin Zeiter, eine deutsche Juristin, die in Zürich lebt, präsentierte das Projekt auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos und gab zahlreiche Interviews in deutschsprachigen Medien. „Das Ziel ist es, europäische Medien auf die Plattform zu holen“, erklärt Zeiter im Gespräch mit dem Tagesspiegel.
Bluesky als Startrampe
Es gibt bereits europäische Initiativen, die eine unabhängige Infrastruktur aufbauen wollen, wie etwa Eurosky aus den Niederlanden, Monnett aus Luxemburg sowie Wedium aus Deutschland. Die X-Alternativen führen bislang allerdings noch ein Nischendasein.
Um eine kritische Masse an Nutzern zu erreichen und von Netzwerkeffekten zu profitieren, nutzt W Social dasselbe technische Protokoll, auf dem auch Eurosky und Bluesky laufen – mit der von Twitter-Gründer Jack Dorsey ins Leben gerufenen Plattform ist das soziale Netzwerk interoperabel, das heißt, die Nutzer können zwischen den Diensten nahtlos kommunizieren. „Wir nutzen Bluesky als Startrampe“, sagt Zeiter. Von den 40 Millionen Bluesky-Nutzern leben schätzungsweise 10 Millionen in Europa. Und die interessieren sich weniger für Baseball oder eine Schießerei in den USA als für Nachrichten aus Polen oder Deutschland, so Zeiter.
Im Gegensatz zu Eurosky ist W Social keine Non-Profit-Organisation, sondern gewinnorientiert. Hauptgesellschafter ist We Don’t Have Time, eine schwedische Social-Media-Plattform, die sich für Klimathemen einsetzt. Zu den weiteren Investoren gehört der ehemalige schwedische Finanzminister Pär Nuder. Gründerin Zeiter hofft auf einen „zweistelligen Millionenbetrag“ bei der nächsten Finanzierungsrunde gegen Ende des Jahres.
Im Vorfeld des Starts waren in rechten Internet-Kreisen Gerüchte gestreut worden, das Projekt sei von der EU finanziert, was aber eine Falschmeldung ist – W Social hat keine EU-Fördergelder erhalten. Vor allem die AfD macht Front gegen die europäische X-Alternative.
Kritik von der AfD
Die Vorsitzende Alice Weidel giftete auf X, das „W“ im Namen stehe für „woke“, und der Bundestagsabgeordnete Rainer Kraft versuchte W Social als „Anti-Aufklärungsplattform“ zu skandalisieren: „Anmelden mit Ausweis, reden mit Erlaubnis“. Dass eine Partei, die ihre Propaganda mithilfe von Bot-Armeen verbreitet, skeptisch gegenüber digitalen Ausweiskontrollen ist, liegt auf der Hand. Dass aber legitime Kritik an Datenschutz und Datensicherheit ausgerechnet von einer in Teilen rechtsextremen Organisation vorgetragen wird, die Verbindungen nach Russland und China hat, tut der Debatte freilich nicht gut.
Bedenken an der digitalen Identitätskontrolle versucht Zeiter mit dem Hinweis darauf zu zerstreuen, dass die Daten lediglich lokal auf dem Gerät der Nutzer innerhalb der App gespeichert und nach dem Abgleich unmittelbar gelöscht würden. „Es ist wie eine Einlasskontrolle im Club“, erklärt sie im Gespräch. „Im Hotel beim Check-in oder bei der Mietwagenabholung zeigen wir überall unseren Ausweis vor. Warum nicht auch im Netz?“
Gewiss, digitale Routinen und Praktiken können sich ändern. Doch die Ausweiskontrolle steht einem niedrigschwelligen Zugang tendenziell entgegen und könnte potenzielle Nutzer abschrecken. Die Idee der Cyberpunk-Bewegung und früher Netzpioniere war es ja, einen Raum zu schaffen, in dem man ohne die Zwänge der physischen Identität seine Meinung kundtun kann.
Dass die Anonymität im Netz, ein Grundpfeiler der Internetarchitektur, nun durch Forderungen einer Klarnamenpflicht (Bundeskanzler Friedrich Merz) unter Beschuss gerät, zeigt, wie sich die Diskursführer von den Cyberutopien entfernt haben.
W Social steht beispielhaft für die Airportisierung des digitalen öffentlichen Raums, wo versucht wird, mit strengen Sicherheitskontrollen auf Freiheitsbedrohungen zu reagieren. So könnte W Social am Ende zu einem elitären Club mit Lounge-Charakter werden. Die Trolle und Bots bleiben draußen. Aber die interessanten Debatten vielleicht auch.