Nach Terminverschiebung und Kostensteigerung: Das Berlin Modern bleibt „ein hoher Risikofaktor“

Natürlich war das gemein, dass kurz nach dem erfolgreichen „Tag im Grünen“ auf dem Kulturforum mit 30.000 Besuchern – doppelt so vielen wie im letzten Jahr – und dem mitreißenden Start in die 15. Berlin Art Week am selben Ort der Bericht über den Stand der Baustelle „Berlin Modern“ hereinflatterte. Wer den halbjährlichen Report an den Haushaltsausschuss des Bundestages über die Fortschritte beim künftigen Museum für Kunst des 20. Jahrhunderts liest, kann nur wieder miese Laune bekommen.

Und das, obwohl die richtig schlechten Nachrichten seit dem letzten Halbjahresbericht bereits bekannt sind: Feuchtigkeitsschäden im Untergeschoss, zusätzliche Kosten in Höhe von 7 Millionen Euro für Schadensanalyse und Reparaturen und vor allem eine Verschiebung der Fertigstellung um weitere neun Monate auf das Jahr 2030. Beim ersten Spatenstich 2019 war noch 2026 genannt worden, beim Richtfest im vergangenen Herbst hieß es bereits drei Jahre später.

Über dem Erweiterungsbau der Neuen Nationalgalerie steht kein guter Stern, so sehr die Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Geschichte auch umdrehen möchte. Was mit veranschlagten Kosten in Höhe von 200 Millionen Euro begann und jetzt bei 489 Millionen Euro steht, kann nicht schöngeredet werden, vor allem wenn der gerne abfällig „Scheune“ genannte Bau immer noch unbeliebt ist.

Einen konkreten Eröffnungstermin gibt es nicht

Das Haus von Herzog & de Meuron hat sich mit seinem riesigen Giebeldach zu dominant zwischen die beiden Architekturikonen Mies van der Rohe-Bau und Philharmonie geschoben und versperrt die Sicht, als dass man es ihm verzeihen kann. Das sah anders aus bei der singulär stehenden Elbphilharmonie des Schweizer Architekturbüros in der Hamburger Hafencity, einem anderen streitbaren Projekt, das ebenfalls Skandal wegen Verzögerungen und Kostensteigerungen machte.

Die „New York Times“ setzte sie dafür auf die Liste der historisch kontroversesten Bauwerke, zusammen mit dem Turm zu Babel, Bostons brutalistischer City Hall und dem von Donald Trump geplanten Ballroom im Weißen Haus. Heute ist die Elbphilharmonie eine der wichtigsten Attraktionen der Hansestadt, ein Wahrzeichen. Dem Berlin Modern wäre dies ebenfalls zu wünschen, wenn es denn eröffnet ist.

30.000

Besucher kamen zum Tag im Grünen auf dem Kulturforum

Einen konkreten Termin wollte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf Nachfrage des Tagesspiegels nicht nennen, für den Ausstellungsbetrieb dürfte es sich bis 2031 hinziehen.

Um die Stimmung nicht noch weiter sinken zu lassen und dem Fremdeln zwischen Publikum und Museum ein Ende zu bereiten, bespielt die Neue Nationalgalerie den Rohbau als Intermezzo mit Kunst. Den Anfang machten zur Berlin Art Week fünf Videos des fast schon mythischen Künstlers Gordon Matta-Clark (1943-1978), projiziert auf die kahlen Wände von einem der größten Säle des künftigen Museums.

Die Karten waren innerhalb kürzester Zeit vergeben, 5000 Besucher erlebten den US-Amerikaner, wie er mit Käppi, Kettensäge und Vorschlaghammer geometrische Strukturen aus Abbruchgebäuden operiert und damit überraschende Durchblicke ins Innere und auf die Umgebung freigibt. Besonders spektakulär wirkte das Video „Conical Intersect“ aus dem Jahr 1975 – metergroß projiziert auf die größte Wand. Das Team um Matta-Clark schnitt damals in Paris gleich neben dem emporwachsenden Centre Pompidou in luftiger Höhe eine spiralförmige Öffnung in einen verlassenen Altbau.

Für die gebeutelte Neue Nationalgalerie mag das Zwischenspiel mit Gordon Matta-Clark eine Pointe darstellen. In einem gerade im Aufbau befindlichen Gebäude die künstlerische Zerlegung von Architektur zu thematisieren, hat gewissen Witz, wäre nicht so beängstigend, was gleichzeitig rundherum passiert. Der aktuelle Halbjahresreport zum Baustand des Berlin Modern warnt davor, dass weiterhin „ein hohes Risikopotential“ besteht.