Kinostarts der Woche: Coming-of-Age im bleibenden Schatten des eisernen Vorhangs

Wie wächst man auf in einem Land, das es nicht mehr gibt? Sechs Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhangs, in einer Hausgemeinschaft in Moldawien, muss jeder gucken, wo er bleibt. Ana-Felicia Scutelnicus gelingt mit „Transit Times“ ein spektakuläres Portrait einer Familie im langsamen Zerfall.

Ansonsten gibt es im Kino zu sehen: unglücklich Liebende, ungewöhnliche Pilger, ein krimineller Klavierstimmer und Hollywoods liebenswerteste Quälgeister.

1 Minions & Monster

Der Aufstieg der Minions von Sidekicks des Superschurken Gru zu verhaltensauffälligen Stars mit eigenem Franchise ist eine der unwahrscheinlicheren Erfolgsgeschichten Hollywoods in der jüngeren Vergangenheit.

Der dritte Solofilm der kleinen Quälgeister (der siebte insgesamt mit ihrer Beteiligung) erzählt nun, sozusagen als Prequel, ihre unglaubliche origin story in Hollywood.

Schöpfer Pierre Coffin erzählt, was die Minions nach Hollywood verschlagen hat. Dort währt ihre Karriere allerdings nur kurz. Die Einführung des Tonfilms Ende der 1920er-Jahre macht die gelben ADHS-Speedballs mit ihrem Cartoon-Esperanto, die ihr Schöpfer einmal „liebenswerte Idioten“ nannte, in Hollywood unvermittelbar.

Jetzt sind sie auf sich allein gestellt, ausgerüstet mit einem Abschiedsgeschenk des exzentrischen Regisseurs Max, gesprochen von Christoph Waltz: einer Filmkamera. Klar, dass den gelben Chaosstiftern nichts Besseres einfällt, als der Welt einen Monsterfilm zu schenken.

Der Charme von „Minions & Monster“ hat viel damit zu tun, dass die Handschrift des Schöpfers immer noch zu erkennen ist. Diese Cinephilie ist so liebevoll bis ins kleinste Detail von Coffin auserzählt.

Im Gegensatz zu den postmodern-zitathaften Studio-Animationsfilmen bleiben die Minions-Filme ihrem infantilen Spieltrieb, der bis zur physischen Comedy des frühen (Stummfilm-)Kinos zurückreicht, treu.

Die Minions sind mit ihrem Monsterfilm gewissermaßen bei ihren eigenen Ursprüngen angekommen. (Andreas Busche)

2 The Piano Tuner

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Eigentlich ist es müßig, sich über die Filmtitel aufzuregen, mit denen fremdsprachige Filme beworben werden. „Stürmisch“ ist die Affäre allerdings gar nicht, die der Seismologe Rocco und die Autorin Lea eingehen, eher zögerlich, fast etwas lakonisch.

Dass das Spielfilmdebüt von Ludovica Rampoldi, die das Drehbuch zu „Vivaldi und ich“ mitschrieb, nicht bierernst gemeint ist, zeigt sich schon bei der wunderbaren Anfangssequenz.

In der wechselt Rocco zur Musik von Rossinis „Aschenputtel“-Ouvertüre beim Schachboxen zwischen Intellekt und purer Körperlichkeit und sammelt dabei ordentlich Schrammen.

Die symbolhafte Aufladung der Geschichte ist vielleicht nicht immer subtil, aber ein Riesenspaß. Rampoldi und ihre wunderbaren Schauspieler:innen schaffen es, dass einem alle Beteiligten dieses Liebeskleeblatts gleichermaßen ans Herz wachsen.

Wenn man keine Partei ergreifen muss, kann man einfach genießen. „Macht mal halblang“, lautet der Tenor. Denn der persönlichen Entwicklung, ob nun mit oder ohne den alten Partner, stehe vor allem die Wut im Weg.

„Breve storia d’amore“, „Eine kurze Liebesgeschichte“, lautet der nüchternere Originaltitel. (Ingolf Patz)

4 Die Camino-Therapie – Finde deinen Weg

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16 zu sein, ist nie einfach. Aber wenn man kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Moldawien lebt, wie Eva (Arina Mura, l.), ist es schon speziell kompliziert.

Freunde und Nachbarn verlassen scharenweise das Land, die Erwachsenen sind orientierungslos. Evas Eltern kämpfen – naja, wenigstens ihre Mutter (Marína Palii). Die kommt eigentlich vom Theater, verkauft aber jetzt Schnaps und vermietet die Wohnung an die ersten Touristen aus dem Westen.

Der Vater (Ion Munteanu) findet dagegen nicht, dass er seine Existenz als freier Künstler überdenken muss, bloß weil niemand mehr Bilder kauft. Eva selbst, eine begabte Pianistin, wandelt mit kühler Eleganz durch diesen Film.

Sie scheint immer ein wenig zu vornehm für die streunenden Hunde und den staubigen Hinterhof.

Sie spricht wenig – was sie wirklich von dem Nachtklub hält, in dem sie sporadisch arbeitet, deutet man in ihre großen Augen hinein. Nur mit dem behinderten Nachbarsjungen tobt sie ausgelassen durch die Straßen.

Diese unspektakuläre, genau beobachtete Geschichte ist eine (lohnende!) Zeitreise. Aber die Stimmung von Krise und Umbruch, in der jeder schauen muss, wo er bleibt, wirkt fies aktuell. (Antje Scherer)

6 Dry Leaf

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