Die Villa Rezek in Wien, das Haus Lewin in Berlin: Wenn Wände Geschichte erzählen

Für die Denkmalpflege mag es wie ein Happy End gewesen sein, als die Villa Rezek auf den hügeligen Ausläufern des Wiener Waldes im wohlhabenden Wohnbezirk Währing wieder in ihrem zart-beigen Ton erstrahlte. Eigentlich war diese Ikone des Neuen Bauens schon reif für den Abbruch. Die letzten Bewohner hatten alle Einbauten herausgerissen und nur den Rohbau hinterlassen, vom Architekten der Moderne-Villa kannte man nicht sehr viel mehr als seinen Namen: Hans Glas, ein Schüler des legendären Adolf Loos.

Doch dann kamen Architektur-Aficionados ins Spiel und eine Stiftung, die die Ruine erwarb. Sie wurde unter Schutz gestellt, und eine jahrelange Rekonstruktion des Terrassenhauses mit dem spektakulären Blick auf die Stadt begann. Was als Bauprojekt seinen Ausgang nahm und Denkmalschützer wegen der mustergültigen Wiederherrichtung jubeln ließ, stellt sich heute als eine Zeitmaschine dar.

Das viergeschossige Haus ist nicht nur als Moderne-Juwel gerettet und bezeugt die Baukunst der Zwischenkriegsjahre, sondern erzählt auch die Geschichte seiner ersten Bewohner. 1934 bezog das Ärztepaar Anna und Philipp Rezek mit seinen beiden kleinen Töchtern die Villa und konnte sich doch nur vier Jahre lang daran erfreuen. Als Juden wurden sie ebenso wie der Architekt nach dem „Anschluss“ Österreichs vertrieben. Die Familie emigrierte in die USA, Hans Glas nach Kalkutta.

Berlin, Haus Lewin Peter Behrens 1929 Berlin, Lewin House Peter Behrens 1929 Copyright: imageBROKER/FlorianxMonheim iblflm12723143.jpg Bitte beachten Sie die gesetzlichen Bestimmungen des deutschen Urheberrechtes hinsichtlich der Namensnennung des Fotografen im direkten Umfeld der Veröffentlichung
Das Haus Lewin in Zehlendorf mit seiner markanten Kubatur wurde 1929 von Peter Behrens erbaut.

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1938 erfasste das Land eine Abwanderungswelle jüdischer Forscher, Künstler und Intellektueller, ein Braindrain. Sie hatten als Auftraggeber oder selbst als Kreative die Moderne vorangetrieben, nach 1945 kehrten von den Überlebenden die Wenigsten zurück. Damit ging vielfach die Erinnerung verloren, Bauzeugnisse verkamen. Die Kunsthistorikerin Caroline Wohlgemuth, die zu Architekten, Designern und Gestaltern dieser Epoche und insbesondere der Familie Rezek geforscht hat, beschreibt das Phänomen mit knappen Worten: Verschweigen, Verdrängen, Vergessen.

Äußerlich steht die Villa Rezek wie damals wieder da wie ein Hochseeschiff, mit Terrassen wie auf Schiffsdecks, Bullaugen inklusive. Das gebogene Geländer rundum wird zur Reling. Es ist die typische Formsprache des Neuen Bauens, mit nautischer Moderne auf den Begriff gebracht. Mies van der Rohe und sein Haus Tugendhat in Brünn könnten den Architekten Hans Glas zum Wintergarten angeregt haben, denn auch bei der Villa Rezek geben bodentiefe Fenster den Blick vom Wohnbereich zu den Pflanzen und schließlich nach draußen frei.

Das Innere der Villa Rezek verwundert. Statt cool durch nüchterne Möblierung und Stahlrohrstühle wirkt es eher gediegen, ja beinahe biedermeierlich mit dem tiefen Sofa und den gemütlichen Sesseln. In Wien arbeiteten die verschiedenen Generationen nebeneinander, erklärt Caroline Wohlgemuth, verbanden sich Avantgarde und Behaglichkeit, Wiener Wohnkultur eben.

Technisch war die Villa Rezek top, mit Zentralheizung, Kühlschrank und einem Abwurfschacht für dreckige Wäsche. Die versenkbaren Schiebefenster hatte sich der Architekt beim Spitalbau abgeschaut, wo sie kurz zuvor für die Tuberkulose-Stationen der Sanatorien entwickelt worden waren, um für bessere Lüftung zu sorgen. Als Ärzte dürften sich die Bauherren dafür ganz besonders interessiert haben.

Statt cooler Möbel gemütliche Sessel

Und noch etwas überrascht an der Einrichtung des Hauses: seine Farbigkeit. Die rekonstruierten Einbauschränke im Ankleidezimmer erscheinen in sonnigem Gelb, die Regale in den beiden Kinderzimmern in Mintgrün und Orangerot. Von den vielen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die von dem Haus für diverse Zeitschriften angefertigt wurden, hätte man dies nicht vermutet.

Aber Caroline Wohlgemuth und der ausführende Architekt Maximilian Eisenköck stießen bei ihren Recherchen auf die Nachfahren in den Vereinigten Staaten. Wie durch ein Wunder hatte Agnes Rezek, die ihrem Mann wenig später mit den Kindern ins Exil folgt, sämtliche Möbel und die Bibliothek an den Nationalsozialisten vorbei über den Hamburger Hafen in die USA manövrieren können. Die Container emigrierender Juden wurden häufig aufgebrochen und meist geplündert.

Villa Rezek, der WintergartenFoto: Copyright Stefan Oláh/Das Glas Haus, VG Bildkunst Bonn 2026
Die Oláh-Bilder sind alle honorarfrei
Gepflegte Gediegenheit: Wintergarten, Flügel, Teppiche – in ihrem Inneren ist die Villa Rezek keineswegs so nüchtern wie von außen.

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Die Villa Rezek ist ein seltener Fall, bei dem die Geschichte des Hauses und das Leben der Familie durch die vielen wieder hervorgeholten Details, die Möbel und den rekonstruierten Garten zu einer erfahrbaren Einheit werden. Es erzählt nicht nur vom individuellen Schicksal seiner ersten Bewohner, sondern auch von der Vertreibung vieler Nachbarn. Das gut situierte Währing war so etwas wie eine Enklave der Moderne, deren Bauherren vornehmlich jüdisch waren.

Der am Ende glückliche Verlauf für die Wiederherstellung der Villa Rezek verweist auf ein Berliner Pendant, das ebenfalls zu einer Zeitmaschine werden könnte: Haus Lewin am Waldsängerpfad 3, das Peter Behrens für den Sozial- und Kinderpsychologen Kurt Lewin und seine Frau Gertrud 1929/30 in Zehlendorf entwarf. Wie das Wiener Ensemble ist es mit seinem Flachdach, den ineinandergreifenden Kuben und Fensterbändern auf der Website von Iconic Houses gelistet, allerdings unter der Rubrik „zu verkaufen“.

Villa RezekFoto: Copyright Stefan Oláh/Das Glas Haus, VG Bildkunst Bonn 2026
Die Oláh-Bilder sind alle honorarfrei
Ein Hochseedampfer legt an: Mit ihren Terrassen und dem Geländer wie einer Reling steht die Villa Rezek in der Tradition der „nautischen Moderne“.

© Foto: Copyright Stefan Oláh/Das Glas Haus, VG Bildkunst Bonn 2026

Es wartet darauf, ebenfalls in seinen einstigen Zustand zurückgeführt zu werden, die baulichen Elemente sind alle noch vorhanden. Sogar große Teile des Mobiliars existieren samt Einbauten bis hin zur gläsernen Garderobe mit Hutablage gleich im Eingang. Allerdings stammt es nicht von Behrens, sondern von Marcel Breuer, der beauftragt wurde, nachdem es Streit mit dem Architekten gab. Auch hier ist der Garten als Erweiterung der markanten Architektur gestaltet.

Die Schicksale der Bewohner ähneln sich, nicht die der Häuser. Die Lewins mussten als Juden ebenfalls emigrieren und wanderten in die Vereinigten Staaten aus, allerdings bereits 1933. Während die Villa Rezek von einem NSDAP‑Mitglied übernommen wurde, gefolgt von den Amerikanern und acht weiteren Besitzern, überließen die Lewins ihr Heim dem Leiter des jüdischen Kulturbundes Fritz Wisten und seiner Familie, die es zu schätzen wussten.

Die Töchter lebten bis zuletzt noch im Haus und erhielten dadurch das Interieur. Erst jetzt soll es in andere Hände gegeben werden, allerdings unter hohen denkmalpflegerischen Auflagen. Ihm sind Architekturfans, eine Stiftung als Träger wie in Wien, zu wünschen.