Viel Glück auf dem Weg zur Hölle: Ariana Grande lässt auf „Petal“ ihrer Wut freie Bahn

Irgendwann reicht’s auch mal. Diesen Satz könnte man als Hauptthese von Ariana Grandes neuem Album „Petal“ festhalten. Ihre mehr als 13 Jahre umspannende Karriere ist geprägt von Traumata: 2017 wurden auf einem Konzert in Manchester 22 Fans bei einer Terrorattacke des IS ermordet, ein Jahr später starb ihr langjähriger Partner Mac Miller an einer Überdosis.

Geprägt ist diese Karriere aber auch von recht albern wirkenden Skandalen. Man erinnere sich an Donut-Gate: 2015 zeigte ein Überwachungsvideo die damals 22-Jährige, wie sie in einer Bäckerei dort ausliegende Donuts ableckte und dann verkündete: „Ich hasse Amerika.“ Grande, die als Star des US-Kindersenders Nickelodeon berühmt wurde, musste daraufhin in einem Entschuldigungsvideo gegenüber Millionen erzürnter Eltern beteuern, dass sie „extrem stolz“ sei, Amerikanerin zu sein.

Auch ihre Liebesgeschichten sorgten immer wieder für Schlagzeilen. Zuletzt wurde Grande verübelt, dass ihr „Wicked“-Co-Star Ethan Slater angeblich Frau und Kind für sie verlassen habe. Ein weiteres anhaltendes Thema: ihr Körper. Sie sei viel zu dünn, sehe geradezu krank aus, sei ein schlechtes Vorbild für junge Mädchen, liest man allerorten.

Mitleid muss niemand mit ihr haben

Bereits auf dem Vorgängeralbum „Eternal Sunshine“ von 2024 setzte sich Grande mit diesem Diskurs über sie auseinander. Sie wirkte einerseits genervt, verkündete andererseits, dass es sie nun endgültig nicht mehr interessiere, was über sie gesagt werde. Das wirkte allerdings nie ganz glaubwürdig, war doch Energie in Songs genau darüber gesteckt.

Auf „Petal“ macht Grande nun anderen, authentischer wirkenden Gefühlen Luft: Wut, Trotz, Stolz. Sie ist immer noch Ariana Grande, verdammt noch mal. „Keep my heels tall, my ego small / But I’m still Grande”, singt sie auf dem düster klingenden „Like I do“, das sich, nicht zuletzt durch die Worte „Extra, extra“ im Chorus deutlich gemacht, an die Medien richtet.

Die Diskussionen um ihre Person würden sie nur reicher und berühmter machen, singt Grande, und kommt, mit kernigen Worten, zum Schluss, dass es sich hier um eine symbiotische Beziehung zwischen ihr, den Fans und den Medien handelt: „You need me like I need you / ‘Cause no one fucks you like I do.”

Auf dem Titeltrack „Petal“ macht sie deutlich: Mitleid muss niemand mit ihr haben. Sie sei nicht das Opfer, sondern würde geradezu in ihren Erfolgen ertrinken. Und verkündet dann: „I don’t need someone to save me / Cause this music and I will never die.“ Damit kommt sie zu einem anderen Schluss als ihre Kollegin Charli xcx, die ihr vergangene Woche erschienenes Album mit den Worten „No one lasts forever“ beendete.

So hat jeder Popstar eigene Mechanismen, mit seinem Dasein umzugehen. Die einen beruhigt es, dass sie unsterblich geworden sind – auch Taylor Swift verkündete auf ihrem letzten Album „I’m immortal now, baby doll“ –, den anderen gibt es Seelenfrieden, dass wir alle sterben und keine Künstlerin so richtig wissen kann, wie lange ihr Werk wirklich die Zeit überdauern wird.

Am neuen Album macht aber nicht nur Grandes wütende Attitüde Spaß, auch musikalisch birgt es mehr Überraschungen, als erwartet. Ihre vorab veröffentlichte Single „Hate that I made you love me” ließ damit rechnen, dass Grande eine direkte Fortsetzung von „Eternal Sunshine“ liefern würde: Midtempo-Synth-Pop über ihre Hassliebe zu Fans und Medien, auf Hochglanz poliert von den schwedischen Hit-Garanten und langjährigen Kollaborateuren Max Martin und Ilya Salmanzadeh, als Producer nur unter seinem Vornamen Ilya bekannt. Man begann sich schon zu fragen, ob es nun zwei Jahre später wirklich ein neues Album brauche.

Sie kann vom Pop nicht lassen

Eigentlich hatte sie angekündigt, sich nach dem Erfolg der Musical-Verfilmung „Wicked“, Oscar-Nominierung inklusive, verstärkt ihrer Schauspielkarriere zu widmen. Doch sie kann vom Pop scheinbar nicht lassen, und „Petal“ bietet, anders als befürchtet, durchaus Neues. Grande hat dieses Mal hauptsächlich mit Ilya zusammengearbeitet – Max Martin ist nur auf drei Tracks dabei –, was zu einem etwas experimentelleren, weniger glatt gebügelten Sound führt.

Auf dem Bass-lastigen Titeltrack „Petal“ wechseln sich verschiedene Tempi und Genres ab, „Bad Thing (Bunny Hop)“ kommt deutlich rockiger daher, als man es zuletzt von Grande gewöhnt war: Verzerrte Gitarren kontrastieren mit ihrem luftigen Gesang und verspielten New-Wave-Synthesizern. Auf „Oh Well“ kombinieren Grande und Ilya Garage-Groove mit einer sofort ins Ohr gehenden Pop-Melodie und ätherischen Harmonien. „Good luck on your way to hell“, singt Grande mit engelsgleicher Stimme.

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Wie schon auf „Eternal Sunshine“ schien es nicht das Ziel, Nummer-Eins-Pop-Banger zu schreiben, wie es lange Grandes Markenzeichen war, sondern stattdessen ein kohärentes, musikalisch wie lyrisch wertvolles Album zu erschaffen. Und auch wenn einige Tracks recht konventionell daherkommen und Songwriting noch immer nicht die Stärke von Ariana Grande ist, ist das Vorhaben mehrheitlich gelungen.

Da hat sich der Popstar das Happy End mit der versöhnlichen, frisch verknallt klingenden Ballade „Nowhere, Nobody“ verdient. Die Liebe heilt alle Wunden – und falls doch nicht, dann bleibt ihr immer noch die Gewissheit, dass sie, verdammt noch mal, Ariana Grande ist.