CTM-Festival in Berlin: Blick in den amerikanischen Höllenschlung

Die Musik ist zäh und langsam, fast schon einschläfernd. Im Normalfall ist eine solche Beschreibung nicht unbedingt als Kompliment zu deuten. Bei der amerikanischen Band Earth, die im Konzertsaal des Kulturortes Haus der Visionäre in der Nähe des Treptower Parks auftritt, ist das anders. Das Meditative und Stoische gehören zum Kern ihres Schaffens, damit hat sie sich einen Namen gemacht – als Rockband, die überhaupt nicht so richtig rockt. 

Dass ungefähr nach der Hälfte ihres Auftritts der Saal sichtbar leerer wird und die Bereitschaft des Publikums nachlässt, sich den ewig verschleppten Gitarrenriffs und dem zeitlupenartigen Schlagzeugspiel auszusetzen, liegt trotzdem nicht unbedingt an der narkotisch wirkenden Performance der Band, sondern ist eher dem Anlass geschuldet.

Earth sind der Hauptact des Eröffnungsabends des diesjährigen Musikfestivals CTM, das noch bis zum 1. Februar gehen wird. Aber für das Erzeugen einer festlichen Premierenstimmung ist die Band aus Olympia im Bundesstaat Washington nicht unbedingt die optimale Wahl.

Deren ewiges Beschwören von Stillstand und Eintönigkeit schlägt aufs Gemüt. Und so begeben sich viele Besucher und Besucherinnen an diesem ersten Abend des Festivals auf ihrer Suche nach einer etwas weniger bedrückenden Atmosphäre lieber in den Barbereich des Veranstaltungsortes oder in den dauernd überfüllten Raucherraum.

Zumindest lässt sich nach dem Konzert von Earth mit Sicherheit sagen: Auf allen weiteren Veranstaltungen des Festivals, das wie gewohnt an Orten wie dem Berghain, dem Radialsystem und der Volksbühne über die ganze Stadt verteilt eine gute Woche lang experimentelle und avantgardistische Klänge zwischen Clubmusik und zeitgenössischer Klassik präsentiert, kann es eigentlich nur noch fröhlicher zugehen als hier.

Zur Weltlage an sich passt das, was Earth darbieten, aber schon. Sie spielen ihr Album „Hex; Or Printing in the Infernal Method“ komplett durch. Die Platte erschien in den mittleren nuller Jahren, nachdem sich die Band eine längere Auszeit genommen hatte.

Gründungsmitglied Dylan Carlson musste erst seine Depression und sein Heroinproblem in den Griff bekommen, bevor er sich wieder mit der Gitarre auf die Bühne stellen konnte. Er ging nicht nur als Musiker seiner instrumentalen Underground-Band in die Geschichte ein, sondern als derjenige, der seinem Freund Kurt Cobain die Schrotflinte besorgte, mit der der Sänger von Nirvana sich 1994 tragischerweise erschoss. So ein Unglück muss man erst einmal verarbeiten.

Inspiration von Cormac McCarthy

Mit „Hex“ kehrte 2005 dann eine Band zurück, die nun sphärischer und dunkler klang als in ihren frühen Jahren. Die Songtitel der Platte wurden dem Roman „Die Abendröte im Westen“ von Cormac McCarthy entnommen, einem Western, der von einer Gruppe weißer Skalpjäger und Meuchelmörder handelt und in der Amerika als unwirtlicher Ort voll roher Gewalt erscheint.

Das ist Stoff aus dem 19. Jahrhundert, aber wer gerade auf die USA blickt, hat nicht das Gefühl, dass es dort inzwischen so viel zivilisierter zugeht. Carlson sagt zu Beginn des Konzerts dann auch, man werde eine Platte spielen, die von dem handle, was die Amerikaner schon immer am besten könnten: „Skalpieren“.

Um die irritierenden Zustände in diesen USA des Maga-Zeitalters zu kommentieren, hätte das CTM auch irgendeine Protestband für den Eröffnungsabend einladen können. Stattdessen kommt diese fünfköpfige Band, deren Mitglieder aussehen wie Rednecks, die in Holzhütten leben und sich zum Abendessen einen Hirschen schießen.

Von der Optik her könnte man sich solche Typen – vor allem Carlson mit seiner Truckerkappe – problemlos bei der nächsten Erstürmung des Kapitols in Washington vorstellen. Wie Earth sich als amerikanische Outlaws inszenieren, erzählt auch der auf dem Festival laufende Dokumentarfilm „Even Hell has its Heroes“.

Die fünf Earth-Mitglieder blicken auf dieses Amerika als Höllenschlund und sind selbst ein Teil davon. Ihre Musik, die auf Neil Young, Blues, Country und Dank des Einsatzes einer Posaune auch auf Jazz rekurriert, stellt das Grauen aus und zeigt: Ja, dieses Amerika ist ein teilweise schrecklicher Ort, aber das war eigentlich noch nie anders.