Cocktails zum Frühstück, Tod am Abend

Der Sonne ist nicht zu entkommen. Entweder steht sie im Zenit und brennt. Oder sie verschwindet malerisch am Horizont und verwandelt jede Strandpromenade in ein Acapulco-Postkartenmotive. Die Sonne scheint zunächst eine Verbündete der Bennetts zu sein, einer schwerreichen Londoner Fleischdynastie, bestehend aus dem verschlossenen Neil (Tim Roth), Schwester Alice (Charlotte Gainsbourg) und deren erwachsenen Kindern. Gemeinsam machen sie in Mexiko Urlaub, um sich vom Business zu erholen: Gestützt wie betäubt von morgendlichen Cocktails, lassen sich die vier am Strand ihres Fünf-Sterne-Hotels und bei leichten Freizeitaktivitäten bestrahlen.

Ein Anruf des Familienanwalts (Henry Goodman) stört das wortkarge Idyll: Alices und Neils Mutter ist verstorben. Unter dem Vorwand, seinen Reisepass im Hotel vergessen zu haben, schickt Neil Schwester, Neffen und Nichte allein nach London. Er lässt sich vom Flughafen zurück an den Strand fahren – nach Caletilla, wo blecherne Tanzrhythmen plärren und Einheimische wie Tourist:innen sich auf Monobloc-Stühlen die Füße von Wellen umspielen zu lassen.

Er checkt in einem billigen Hotel ein, bandelt mit der Besitzerin (Iazua Larios) eines Souvenirshops an, trinkt Cerveza und ignoriert die Signaltöne seines Handys. Innerhalb kürzester Zeit scheint sich der indolente Mittfünfziger eine Ersatzfamilie aufgebaut zu haben – eine, die nichts fragt, nichts will und die Zahlungsfähigkeit des Gringos als gegeben hinnimmt. Doch ein Drive-By-Shooting am Strand lässt eine Kehrseite des irreal wirkenden Urlaubsidylls erahnen. Und nachdem Alice wütend neben dem Plastikstuhl auftaucht, um die Testamentsvollstreckung zu klären, wird sie auf dem Weg zurück zum Flughafen bei einem Entführungsversuch erschossen.

Wechselwirkung von Geld, Gesundheit und Gesellschaft

Nicht erst mit der beiläufigen Gewalt entwickelt sich „Sundown“ vom mexikanischen Drehbuchautor und Regisseur Michel Franco („New Order – Die neue Weltordnung“) zu einem existenzialistischen Drama. Sein Film kreist um die Themen Freiheit und Selbstbestimmung und fragt nach der Wechselwirkung von Geld, Gesundheit und Gesellschaft. Eindeutige Antworten gibt er nicht: Neil ist reich – aber ist er auch glücklich? Ist er einsam? Krank? Oder schlichtweg egoistisch?

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Francos Bilder sind dicht und naturalistisch, gedreht wurde an echten Stränden mit den dort feiernden Tourist:innen und Einheimischen. Die Diskrepanz zwischen Neils Leben in London und seiner reduzierten Strand-Existenz, seine seltsam entfremdete Passivität sowie die klassistische Thematik portraitiert Franco in einfachen, überzeugenden Entscheidungen. Neils Outfit (Sandalen, Bermudas und verschwitzte, leichte Oberhemden) wirkt nach einer Weile wie die Uniform eines abgestumpften Müßiggängers.

(In acht Berliner Kinos, alle OmU)

Sein ungebundener Zustand erscheint umso mysteriöser, weil er nach dem Tod der Schwester zunächst selbst als Verdächtiger im Gefängnis landet: Dort unterscheidet sich sein Verhalten aber kaum vom Zustand der Freiheit. Andeutungsweise erfährt man etwas über die Bennett-Familie, als der Anwalt ein britisches Boulevardblatt ins Gefängnis mitbringt, in dem eine „Skandalstory“ über Neil mit „Meet the man behind the meat“ betitelt ist.

Wie in Camus’ existenzialistischem Klassiker „Der Fremde“, der ebenfalls die Stationen Strand und Gefängnis abhandelt, oder in Maryse Holders feministischer Selbstzerstörungsbiografie „Ich atme mit dem Herzen“ stellt Franco die Antriebslosigkeit seines Helden in den Mittelpunkt. Dass Neil, den Roth mit stoischer Eindringlichkeit versieht, Gründe für sein Verhalten hat, hält bis zum Schluss eine Spannung aufrecht. Die unbarmherzige Sonne, die bildfüllend immer wieder die Leinwand verbrennt, ist dabei übrigens nicht ganz unschuldig.