Abstieg eines It-Girls: Der neue Stuttgarter „Tatort“ geht unter die Haut
Ein bizarrer Auftritt. Dass sie mal ein von vielen bewundertes It-Girl war, merkt man der völlig durchnässten Frau nicht an, die in einer Regennacht verzweifelt in einer Stuttgarter Polizeistation auftaucht. Pony Hübner meldet ihren SUV als gestohlen. Ihre Kinder Hugo und Penelope saßen im Auto. Die Polizei findet den Wagen im Neckar, Penelope wird tot geborgen. Hugo ist verschwunden. „Tatort: Ex-It“ (Sonntag, ARD, 20:15 Uhr).
Ein besonders heikler und nahe gehender Fall für die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare).
Hinter dem Totenfund und der Vermisstenmeldung reißt sich der persönliche Abgrund eines ehemaligen, von vielen bewunderten It-Girls auf, dass seine Familie, Mann und Kinder, ins Verderben zu stürzen droht.
Da tut es der Krimispannung keinen Abbruch, dass sich trotz eingehender Erpresserbriefe relativ schnell klärt, dass hinter dem Verschwinden des kleinen Hugo wohl eher kein Verbrechen zu stecken scheint.
Wenn ich mich sehen will, gucke ich nicht in den Spiegel, sondern in die Magazine.
Pony Hüber (Kim Riedle), einst ein gefeiertes It-Girl, jetzt nicht mehr gefragt, im „Tatort“
Dafür die große Vergangenheit und traurige Gegenwart von Hugos Mutter Pony (Kim Riedle), die von ihrem wohlhabenden Ehemann Stephan (Hans Löw) – einst Verleger der Regenbogenpresse, heute Manager von jungen Influencerinnen – erst groß als Glamour-Girl promotet und dann fallen gelassen wurde.

© SWR/Benoît Linder
Pony ist nun abgemeldet, verloren. In die schöne neue Welt der Influencer wurde sie nicht mitgenommen.
Das Ausleuchten einer Ehehölle, das süße Gift, das das Glamourleben einer jungen Frau einträufelt und später nicht mehr rauszukriegen ist, auch nicht mit Nippelblitzer-Fotos für die Boulevardpresse, die Anteil- und Parteinahme der Ermittler, die hier viel mehr als Psychologen denn als Kommissare gefragt sind – man weiß gar nicht, was man an diesem „Tatort“ (Buch: Wolfgang Strauch) zuerst hervorheben soll.
Eine Art Rosenkrieg, teils inszeniert wie ein Kammerspiel (Regie: Friederike Jehn): in dem geduckten Stuttgarter Bungalow der Hübners, das wirkt wie ein großer, gläserner Käfig. Hier sprechen zwei erst miteinander, wenn sie sich mal wie zufällig beide im Hausflur treffen.
Ein Drama voller Abgründe, ein Krimi, der lange nachhallt, auch wenn sich die Auflösung von Penelopes Tod und Hugos Verschwinden am Ende relativ undramatisch ausnehmen. Zu solchen Büchern kann man Richy Müller und Felix Klare (und hier auch Kim Riedle und Hans Löw!) nur gratulieren. Die Stuttgarter „Tatort“-Ausgabe gehört derzeit zu den besten ihrer Reihe. Unbedingt einschalten.