Abendessen mit Odysseus: Warum der Katzenellenbogen-Zyklus von Lovis Corinth so bedeutsam ist
Im knitterigen Gesicht des Mannes, von zehn Jahren Seefahrt und Meereswind gegerbt und gewalkt, lauert Anspannung. Die Augen sind bis auf einen Schlitz zugekniffen. Der hagere, nicht mehr junge Oberkörper krümmt sich zu einem angedeuteten Bogen und findet sein Gegenstück in dem tatsächlichen Bogen, den er gerade spannt. Wir sehen Odysseus bei der Heimkehr nach Ithaka in dem Augenblick, in dem er sich zu erkennen gibt und seine Pfeile auf die Freier richtet. Die haben, so steht es bei Homer, seine Gattin Penelope in all den Jahren der langen Abwesenheit umgarnt und bedrängt.
„Odysseus im Kampf mit den Freiern“ ist das berühmteste Gemälde des Katzenellenbogen-Zyklus, der ein Hauptwerk im Schaffen von Lovis Corinth darstellt. Corinth schuf die elf Werke des Zyklus auf dem Höhepunkt seiner Berliner Zeit in den Jahren 1913 und 1914. Der Name geht zurück auf das Ehepaar Estella und Ludwig Katzenellenbogen, das die Bilder zur Ausschmückung des Speisezimmers in ihrem Gut Freienhagen nördlich von Berlin bestellt hatte.
Fast parodistische Überzeichnung
Es sind epische Erzählungen, denen Corinth die Motive entnommen hat: Homers „Odyssee“ und Ariosts „Der rasende Roland“ („Orlando furioso“), gemalt auf Leinwand mit Tempera, also Farben, die durch ein überwiegend wässeriges Bindemittel gemischt sind. Die scheinbar schnellen Striche und die fast parodistische Überzeichnung sind typisch für diese Phase von Corinths Schaffen. Am dramatischen Gestus der Gemälde lässt sich Corinths Leidenschaft fürs Theater ablesen, die ihn auch dazu brachte, mit Regisseur Max Reinhardt zusammenzuarbeiten.

© Roman März
Drei weitere Werke des Zyklus entstammen der Welt des „Rasenden Roland“, einem Versepos aus dem 16. Jahrhundert. Ariost erzählt hier in verwickelten Erzählsträngen unter anderem vom Ritter Roland, der an seiner Liebe zur Prinzessin Angelica wahnsinnig, eben „rasend“ wird. Hintergrund bilden die Kriege Karls des Großen gegen die islamischen Heere in Spanien.
Corinth präsentiert in einem Gemälde Ruggiero, einen weiteren Helden des Epos, mit Knappe, in einem anderen Angelica, wie sie einem Drachen zum Fraß vorgeworfen wird, sowie als Supraporte den schließlich von Ruggiero getöteten Drachen. Supraporten sind rechteckige Bilder oder Aufsätze, die den Bereich über einer Tür schmücken. Eine weitere Supraporte, „Zwei liegende Knaben“, ist keinem der beiden Epen zuzuordnen. Außerdem bildet Corinth die Dichter Homer und Ariost mit zwei hohen, schmalen Ganzkörperporträts ab.

© Roman März
Der gesamte Zyklus ist über die Biografie der beiden Auftraggeber eng mit Corinths eigener Lebensgeschichte verwoben, aber auch mit den Abgründen deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert. Ludwig und Estella Katzenellenbogen hatten 1912 geheiratet, sie Tochter eines Arztes, er Brauerei-Direktor. Zu ihrem aufwendigen, repräsentativen Lebensstil gehörte auch das Rittergut in Freienhagen (heute ein Ortsteil von Liebenwalde in Brandenburg). Die Ausmalung des Speisezimmers war auf Vermittlung Paul Cassirers zustande gekommen, der als Galerist entscheidend zu Lovis Corinths Durchbruch in Berlin beigetragen hatte.
1929 ließen sich die Katzenellenbogens scheiden. Ludwig heiratete ein Jahr später die Schauspielerin Tilla Durieux, für die Corinth einst Theaterkostüme entworfen hatte. Durieux wiederum war zuvor mit Paul Cassirer verheiratet gewesen. Der hatte sich 1926, als sie ihn verlassen wollte, während der Scheidungsverhandlungen in die Brust geschossen und war daran verstorben.
1933 flüchteten Ludwig und Tilla vor der NS-Herrschaft erst in die Schweiz, dann nach Jugoslawien. Doch 1941 geriet Ludwig in die Fänge der Gestapo in Griechenland, wurde im KZ Sachsenhausen interniert und starb 1944 vermutlich an den Folgen dieser Haft im Jüdischen Krankenhaus Berlin.
Gänzlich anders verlief das Schicksal von Estella Katzenellenbogen. Nach der Scheidung ging die Hälfte des Kunstbesitzes an sie, darunter auch der vollständige Zyklus von Lovis Corinth. 1936 verließ Estella Deutschland. Die elf Bilder brachte sie in der Kunsthandlung Paul Cassirer in Amsterdam unter, die auch nach dem Tod des Namensgebers weiterbestand.
Welche Stadt war fortschrittlicher? Als Lovis Corinth von München nach Berlin zog Lovis Corinth in der Berlinischen Galerie Ritter vom Orden der leidenschaftlichen Malerei
Lesen Sie jetzt auch:
Zusätzlich soll ein Modell im Maßstab 1:12 eine Vorstellung davon vermitteln, wie diese Bilder einst im Gutshaus in Freienhagen angeordnet waren. Es basiert auf einem Grundriss des Gebäudes, der 2025 im Brandenburgischen Landeshauptarchiv entdeckt worden war. Das Gutshaus selbst existiert nicht mehr, es wurde kurz nach 1945 abgerissen.
Wenn man sieht, wie dicht die dramatischen Gemälde in dem eher kleinen Speisesaal gehängt waren, wie sie den Raum komplett dominierten, kann man sich kaum vorstellen, dass die Katzenellenbogens und ihre Gäste im Angesicht solcher Kunstwerke überhaupt dazu kamen, ihr Essen zu kauen. Diese Kunst sprengte den Rahmen, der für sie vorgesehen war.