Kleine Formate, großer Sog: Der Künstler Karol Bethke wird wiederentdeckt

© Bernheimer Contemporary
Kleine Formate, geometrische Formationen, serielle Reihen immer an der Wand lang. Was auf den ersten Blick wie eine monotone Wiederkehr ähnlicher Muster wirken könnte, erzeugt bei genauem Hinsehen einen subtilen Sog, der zur vergleichenden Betrachtung herausfordert. Im Kunsthaus Lempertz ist mit Karol Bethke ein Meister der Miniatur wieder zu entdecken, dessen konkrete Kunst zwar in großen Museumssammlungen, aber kaum noch im öffentlichen Bewusstsein präsent ist.

© Kunsthaus Lempertz
Logik und Intuition
Ganz nah muss man herantreten, um im Richtungswechsel der Strichführung die malerische Wirkung der sich überlagernden Farben erleben zu können. Aus der Not der begrenzten Farbpalette seiner Lackstifte entwickelte Bethke eine Tugend der Schichtung, aus der ein breites Spektrum an Mischtönen hervorgeht. Winzige Bleistiftnotationen am Bildrand geben Auskunft über die jeweiligen Farben und Richtungen der Strichfolge. In kleinen Serien von zwei, drei oder mehr Blättern variieren dann Farbgebung und Anordnung der geometrischen Formationen.
Doch bei aller Systematik und Rationalität bewegt sich Bethke in seinem Werk zwischen Logik und Zufall, Geometrie und Intuition. Das karierte Zeichenpapier ist dabei weit mehr als ein konstruktives Hilfsmittel, das Maß, Ordnung und Proportion vorgibt. Das eigens für ihn gedruckte Raster bleibt als sichtbares ästhetisches Element im fertigen Bild erhalten und wird zugleich zum konzeptuellen Zeichen: Es verweist auf mathematische Ordnung, Wiederholung und Struktur – und bildet doch den Hintergrund für eine Arbeit, deren sinnliche Wirkung sich nicht in Regeln auflösen lässt.
Glanz für die Konkrete Kunst
Auf dem Rasterpapier lassen sich seit den 1960er Jahren zahlreich Verbindungslinien zu amerikanischen Minimal-Künstlern wie Sol Lewitt, Dan Flavin oder Robert Morris ziehen. Auch die grafischen Miniaturen von Blinky Palermo, die ebenfalls aus einer Geometrie der persönlichen Handschrift leben, dürften Bethke vertraut gewesen sein. Doch fügen seine Quadrat-Bilder der Geschichte Konkreter Kunst einen ganz eigenen Glanz hinzu.
Für die in seinem Werk immanente Verbindung zwischen Mathematik und bildender Kunst bot unlängst das Center for Advanced Studies (CAS) der LMU München den passenden Ort, an dem 2024 eine Ausstellung in Kooperation mit dem Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt stattfand. In Berlin setzen zwei Bodenskulpturen mit ihrer drei- bzw. vierteiligen Struktur die mathematischen Prinzipien seiner Kunst im Raum fort.
Schade nur, dass für die in New York der frühen 1980er Jahre entstandenen „Weißen Bilder“ nicht mehr genug Platz blieb. In ihrer kristallinen Struktur erinnern sie an geschliffene Diamanten, die mit ihrem Weiß-auf-Weiß auch eine leise Reverenz an Agnes Martin sein könnten. Zum Glück besitzt das Berliner Kupferstichkabinett ein ganzes Konvolut von 79 Zeichnungen im Buch „East Hampton“, das der damalige Leiter der Neuen Nationalgalerie, Lucius Grisebach, angekauft hatte.
Auch die Berlinische Galerie, das Museum Ludwig in Köln, das Wilhelm-Lehmbruck- Museum in Duisburg und die Kunsthalle in Nürnberg bewahren Zeichnungen von Karol Bethke. Seine Wiederentdeckung ist überfällig. Wer sich darauf einlässt, entdeckt in Bethkes Miniaturen nicht die ewige Wiederkehr des Gleichen, sondern die unerschöpfliche Möglichkeit der Veränderung.