Streiten, ohne einander infrage zu stellen: Das Emoji, das noch fehlt
Kürzlich schwärmte ein Freund in einer WhatsApp-Gruppe davon, wie er nach Jahren erstmals wieder den Film „Matrix“ gesehen habe und ziemlich begeistert gewesen sei: wie Neo da den Kugeln ausweicht, wild in der Lobby um sich schießt, zwischen der grünen und der roten Pille auswählen muss.
Ich wollte direkt widersprechen. Neo hatte schließlich die Wahl zwischen einer roten und einer blauen Pille. Aber ich wollte meinen Freund nicht vor den Kopf stoßen, denn seine Lobeshymne gefiel mir ansonsten sehr, ich mag den Film ebenfalls und fand es schön, dass der Freund seine Wiederentdeckung und seine Begeisterung mit uns teilte.
Wie könnte ich ihm in diesem einen Detail widersprechen, ohne erst umständlich dazusagen zu müssen, dass ich den Rest seines Posts schätzte?
Vor einiger Zeit habe ich angefangen, mich intensiver mit Missverständnissen zu beschäftigen: wie sie entstehen und was sie anrichten können, ohne dass wir es überhaupt mitbekommen. Besonders leicht ergeben sie sich in der Schriftsprache, vor allem in Kurznachrichten. Während es bei Gesprächen Stimme, Gesicht, Lächeln und Handbewegungen gibt, steht in der Nachricht bloß der nackte Widerspruch.
Zum Glück gibt es Emojis. Vier von fünf Deutschen verwenden sie inzwischen. Doch ausgerechnet ein Zeichen für „Ich mag dich und alles, was du hier schreibst, nur in diesem einen Detail widerspreche ich dir“ fehlt. Unter allen Smileys, Herzen und Küsschen finde ich keines, das auch nur halbwegs passen würde. Im konkreten Fall wirken sie spöttisch, passiv-aggressiv oder albern. Es fehlt das Äquivalent zu einem Gesichtsausdruck oder Tonfall, mit dem man im Gespräch signalisiert: „Nimm das Folgende nicht als Angriff.“
Man könnte es also umständlich ausbuchstabieren oder – und dabei erwische ich mich häufiger – im Zweifel einfach gar nicht widersprechen, um zu vermeiden, dass es der Andere in den falschen Hals bekommt.
Ich wünschte, ich müsste mir darüber keine Gedanken machen. Ein Emoji für wohlwollenden Widerspruch würde einiges vereinfachen.
Es wäre doch schade, wenn die Lösung darin bestünde, offensichtlich Unwahres stehenzulassen aus Angst vor den sozialen Kosten einer Korrektur. Und das gilt natürlich auch für viel Relevanteres als die Frage, ob die Pille in einem Filmklassiker nun grün oder blau war. Eigentlich sollte das Gegenteil möglich sein: Menschen, die sich mögen oder respektieren, sollten ziemlich entschieden um eine Sache streiten können, ohne einander deshalb grundsätzlich infrage zu stellen. Ich möchte widersprechen können, ohne das Risiko einzugehen, dass mein Gegenüber sich persönlich zurückgewiesen fühlt..
Einer guten Freundin habe ich meine beiden Entwürfe gezeigt. Sie riet mir, ich solle lieber beim Schreiben bleiben.
Sebastian Leber, Autor
Ich habe nachgesehen, wer eigentlich entscheidet, welche Emojis auf unseren Smartphones landen. Dahinter steckt das Unicode Consortium, eine internationale Organisation, die den weltweiten Standard für Schriftzeichen pflegt. Auch Privatpersonen können dort Vorschläge für neue Emojis einreichen. Eine Arbeitsgruppe namens „Emoji Standard & Research Working Group“ prüft dann die Vorschläge und kann sie für die Aufnahme in den Standard empfehlen. Im Erfolgsfall bekommt sie einen weltweit gültigen Code. U+1F609 ist der Zwinkersmiley, U+1F3E7 steht für Geldautomat.
Wer ein neues Emoji will, muss nicht nur eine konkrete Grafik einsenden, sondern auch darlegen, weshalb das Zeichen voraussichtlich häufig verwendet würde. Zu den eingereichten Vorschlägen, die im vergangenen Jahr abgelehnt wurden, gehören Emojis für 3D-Drucker, Flugtaxi, Gürteltier und Cannabis-Blüte. Letztere wurde bereits sechs Mal vergeblich eingereicht.
Ich schätze die Dringlichkeit meiner Idee deutlich höher ein als den Bedarf eines Gürteltier-Emojis.
Das Zeichen, das fehlt, sollte einerseits „Ich mag dich – aber in der Sache widerspreche ich dir“ ausdrücken, andererseits auch „Gute Beobachtung, aber bei diesem einen Detail liegst du falsch“.
© ChatGPT/Sebastian Leber/KI-generiert
Einer guten Freundin habe ich meine beiden Entwürfe gezeigt. Sie riet mir, ich solle mal lieber beim Schreiben bleiben. Wahrscheinlich hat sie recht. Falls Sie, liebe Leserinnen und Leser, eine bessere Idee für ein Emoji für „Ich mag dich – aber in der Sache widerspreche ich dir“ haben, schicken Sie es mir gern an aufdemschirm@tagesspiegel.de.