Bühne frei für einen Maler: So wichtig war das Theater für Lovis Corinth
„Trotzdem ich zwei Seelen in der Brust hatte, von denen mich die intensivere nach München zog, wollte ich es doch in Berlin wagen“, gibt Lovis Corinth in seiner 1926 posthum erschienenen „Selbstbiographie“ zu Protokoll. Kein Wunder: Tatsächlich stand die Stadt ja „in der höchsten Blüte“, als der Maler, Zeichner und Grafiker 1901 von der Isar an die Spree zog. „Die Bevölkerung war im Aufblühen begriffen“, notiert er begeistert und lobt das gleichermaßen sprießende Kunstinteresse der Berlinerinnen und Berliner.
Zu Recht: Seine Eintrittskarte in die Hauptstadt war ein „Salome“-Gemälde, das von der Münchner Secession zur Überraschung des Urhebers gar nicht zur Ausstellung angenommen worden war, während es ihn in Berlin schlagartig berühmt oder, in Corinths eigenen Worten, zur „Kapazität“ machte.

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Der Rest ist Geschichte: Als prägender Vertreter des deutschen Impressionismus und der Berliner Secession hat der 1858 in Tapiau in Ostpreußen geborene Corinth neben Kollegen wie Max Liebermann oder Max Slevogt seinen festen Platz im Kanon inne. Vergleichsweise wenig bekannt ist dagegen, welchen Anteil er auch an der ästhetischen Erneuerung des Berliner Theaters um 1900 hatte, vor allem an der innovativen Bühnenkunst Max Reinhardts. Kluge Zeitgenossen – und insbesondere einige Theaterkritiker unter ihnen – erkannten die Tragweite freilich sofort.
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Mahn war bei weitem nicht der Einzige: Seine Kollegen vom „Berliner Tageblatt“ hielten die Innovationen im Dekorationswesen sogar für derart spektakulär, dass sie ihrer Premierenbesprechung noch einen Extra-Bericht über die Ausstattung anfügten. Der Schöpfer dieser originellen Bildsprache war der Maler Lovis Corinth, hier in Zusammenarbeit mit seinem jüngeren Kollegen Leo Impekoven.
Das Epochale an Corinths und Impekovens künstlerischer Leistung, das den Zeitzeugen derart die Sprache verschlug, erklärt sich aus dem damaligen Theaterverständnis. Berlin galt um 1900 zu Recht als Bühnenmetropole. Der Output war immens, neue Spielorte schossen wie Pilze aus dem Boden. Das florierende Unterhaltungstheater existierte mehr oder weniger friedlich neben dem maßgeblich von Otto Brahm etablierten naturalistischen Kunsttheater, das die (soziale) Wirklichkeit abbilden wollte – ab 1889 zunächst mit der „Freien Bühne“ und seit 1894 dann am Deutschen Theater.
Davon, wie hoch Berlin tatsächlich im Kurs stand, zeugt die aus dem 1904 erschienenen Buch „Schauspielkunst“ überlieferte Äußerung des legendären Kritikers Alfred Kerr, Berlin sei „seit zehn Jahren die erste Theaterstadt der Welt“. Denn neben Brahm zieht zu dieser Zeit an den noch jungen Reinhardtschen Bühnen – dem Kleinen Theater Unter den Linden und dem Neuen Theater am Schiffbauerdamm, der heutigen Spielstätte des Berliner Ensembles – bereits die ästhetische Avantgarde herauf.
Was nämlich bis dato noch keineswegs Usus war und sich mit Reinhardt als Regisseur und Theaterleiter durchsetzen sollte, war die Vorstellung von der Theateraufführung als einer eigenständigen ästhetischen Gesamtkomposition. Gerade die Ausstattung – häufig gemalte Prospekte und Kulissen, die auf einer zweidimensionalen Fläche einen echten Raum vortäuschen sollten – blieb vielfach auf eine dekorative Funktion beschränkt.

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„Ich möchte, wie man für jede Regieaufgabe den geeigneten Regisseur sucht, jede Rolle mit dem geeignetsten Schauspieler besetzt, für jedes einzelne Werk den geeignetsten, womöglich den einzig geeigneten Maler ausfindig machen“, sagte Reinhardt 1902 gegenüber seinem späteren Dramaturgen Arthur Kahane.
Und Corinth war einer der ersten, die Reinhardt dabei entdeckte. Die Zusammenarbeit der beiden begann noch vor dem großen Durchbruch des Regisseurs, also vor Reinhardts Intendanz am Deutschen Theater ab 1905 und dem späteren Aufbau seines Bühnenimperiums. Zu dem kamen in Berlin unter anderem die Volksbühne, das Große Schauspielhaus und die Komödie am Kurfürstendamm hinzu.
Eysoldt beeindruckte ihn stark
Die Figur, die Reinhardt und Corinth wohl am meisten verband, war Salome. Als Corinth 1902 eine geschlossene Aufführung von Oscar Wildes gleichnamigem Stück am Kleinen Theater besuchte, war er von Gertrud Eysoldt in der Titelrolle – auf dem Foto ganz oben ist sie links zu sehen – so beeindruckt, dass er sie porträtieren wollte.
Dafür bat er Reinhardt um den in der Vorstellung verwendeten Kopf des Johannes – und Reinhardt gewann ihn bei dieser Gelegenheit für sein Theater. Bei der späteren Neuinszenierung der „Salome“ am Neuen Theater 1903 wirkte Corinth gemeinsam mit dem Bildhauer Max Kruse an der Ausstattung mit.
Corinths Theaterarbeiten konzentrierten sich auf die frühen Reinhardt-Jahre bis 1904 – die allerdings ausgesprochen produktiv ausfielen. Der Maler lieferte in dieser Zeit Entwürfe etwa für Inszenierungen von Wedekind, Lessing, Shaw oder Euripides.
Welche Stadt war fortschrittlicher? Als Lovis Corinth von München nach Berlin zog
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Wie prägend Corinth für Reinhardts Theater war, daran erinnerte man sich auch nach seinem Tod 1925: In einem Kondolenzschreiben des Deutschen Theaters, das Reinhardt 1905 übernommen hatte, an Corinths Frau Charlotte Berend-Corinth wird ausdrücklich unterstrichen, dass Reinhardts „erste Erfolge mit dem großen Namen Corinth verknüpft bleiben“.