ARD-Doku über die No Angels: „Das war eine komplett toxische Maschinerie“
Wir schreiben das Jahr 2000, fünf junge Frauen stehen zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Tonstudio. Ein Produzent spielt ihnen einen Song vor, der ursprünglich für eine andere Künstlerin geschrieben wurde, die damit in den USA durchstarten sollte.
Dort aber wollten die Radiostationen ihn nicht spielen, das sei ein „Madonna-Abklatsch“ und „Musik zum Bügeln“, hieß es damals. Nun also der zweite Versuch, in Deutschland, im Rahmen einer neuen Casting-Show. Nach dem Intro setzt der Beat ein, die Frauen fangen an, zu tanzen, der Produzent singt ihnen den Refrain vor: „I wanna be daylight in your eyes / I wanna be sunlight only warmer“. Ein magischer Pop-Moment.
Die erste Single der No Angels sollte der erfolgreichste Song des Jahres in Deutschland werden. Kurz davor sind Nadja Benaissa, Lucy Diakovska, Sandy Mölling, Jessica Wahls und Vanessa Petruo zusammengewürfelt worden, in einem mehrwöchigen Prozess, der auf RTL 2 als „Popstars“ ausgestrahlt wurde und den Anstoß für alle Casting-Shows, die danach kommen sollten, gab.
Hüfthosen und Tops mit Schlangenmuster
Sie wurden ausgesucht aus einem Meer an hoffnungsvollen jungen Frauen in Hüfthosen und Tops mit Schlangenmuster, die inzwischen wieder in sind. Millennial-Core, sich das Ganze heute nochmal anzuschauen, Nostalgie pur. Doch ganz so traumhaft, wie es nach außen wirkte, ging es hinter den Kulissen natürlich nicht zu.
Und die No Angels sollten über die kommenden 25 Jahre mehrere Skandale durchstehen – der größte davon der Prozess gegen Nadja Benaissa, die 2010 wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde, weil sie Männer wissentlich mit HIV angesteckt hatte.
All das zeigt die ARD-Doku-Reihe „No Angels – Das sind wir“. In den drei Folgen à 45 Minuten wird, wohl im Versuch, allen vier verbleibenden Band-Mitgliedern gleichermaßen gerecht zu werden, einiges zu breit erzählt, während die wirklich faszinierenden Geschichten nicht genug Raum bekommen. Viele spannende Erkenntnisse bietet die Doku aber durchaus – etwa die bewegte Vorgeschichte von „Daylight in Your Eyes“.
Die Geschichte der Girlgroup wird chronologisch erzählt, von den Anfängen bei „Popstars“ bis heute, immer wieder gegengeschnitten mit Interviews und einem Gespräch der vier verbliebenen Bandmitglieder über das Erlebte. Auch Journalist:innen und Weggefährten kommen zu Wort, darunter etwa der Choreograf Detlef D! Soost, der sich während der Sendung vor allem damit hervortat, die jungen Popstars-Anwärterinnen anzubrüllen, das Ganze aber natürlich eigentlich nur gut meinte.
Hinter den Kulissen der Show ging es offenbar rabiat zu, Details dazu bleiben aber im Dunkeln. Kryptisch ist die Rede davon, dass es „chaotisch“ gewesen sei, ein „Fiebertraum“, eine „komplett toxische Maschinerie“. Heute würde man das alles anders machen und hätte auf jeden Fall psychologische Begleitung dabei, sagt eine der Produzentinnen von „Popstars“.
Gut für die Psyche der Teilnehmerinnen war das Ganze sicher nicht, so viel wird deutlich. Aber dass niemand so genau wusste, was sie da überhaupt machten, hat natürlich auch den Charme dieser ersten „Popstars“-Staffel ausgemacht und zur enormen Popularität der No Angels beigetragen.

© ARD/MDR, Warner Bros. ITVP Deutschland GmbH
Die Lebensgeschichte von Nadja Benaissa wird über die drei Folgen hinweg aufgerollt, man hätte ihr auch eine eigene Doku-Reihe widmen können. Gleich zu Beginn fasst sie ihren Hintergrund zusammen: „Ich bin mit 12 Jahren drogenabhängig geworden, war mit 14 Jahren auf der Straße, dann war ich mit 16 schwanger, mit 18 war ich bei ‚Popstars‘, da konnte ich sowieso mit niemanden über irgendwas sprechen“, sagt Benaissa. „Ich war komplett traumatisiert.“
Nachdem sie für die Band ausgewählt wurde, habe sie erzählen müssen, dass sie HIV-positiv ist – damit sie zum Arzt gehen durfte, um ihre Blutwerte checken zu lassen. Dass das hinter den Kulissen gar nicht gut ankam, erzählt der Musikproduzent Leslie Mandoki. Es habe viele Gespräche über die „Verwertbarkeit von Nadjas Lebensgeschichte“ gegeben, erzählt er, das „hässliche Gesicht“ der Industrie habe sich dabei gezeigt. Benaissa selbst schildert, wie ihr gesagt worden ist, dass sie als HIV-Positive kein Vorbild für ihre sehr jungen Fans sein könne – doch insbesondere Sandy Mölling habe sich für sie eingesetzt, und sie durfte in der Band bleiben.
Benaissa wurde als „Todesengel“ bezeichnet
Ihre Diagnose war kein Thema mehr. Bis sie 2009 vor einem geplanten Auftritt in einem Club festgenommen wurde. Die No Angels hatten da gerade zu viert, ohne Vanessa Petruo, ein Comeback gestartet. Dieser öffentlichen Verhaftung folgte eine Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Darmstadt, in der ihr HIV-Status öffentlich gemacht wurde – völlig regel- und rechtswidrig, wie die „Zeit“-Gerichtsreporterin Sabine Rückert anmerkt.
Hier schließt „No Angels – Das sind wir“ an eine Reihe anderer Dokumentationen an, die zeigen, wie rücksichtslos in den Nullerjahren mit Menschen in der Öffentlichkeit umgegangen wurde, von Britney Spears bis Daniel Küblböck. Es gab Schlagzeilen, die Benaissa als „Todesengel“ bezeichneten, Sandy Mölling beschreibt die Zeit als Hexenjagd – auch wenn sie selbst Benaissa gesagt habe, dass sie die Anzeige für ihre Tat verdient habe.