Marode hinter goldener Fassade: Die Sanierung der Philharmonie ist überfällig – und könnte mehr als eine Milliarde kosten
Es könnte ein Generationenprojekt werden: Philharmonie und Kammermusiksaal warten auf eine Grundsanierung. Zeitplan und Kosten bewegen sich dabei in Dimensionen, die Schwindel erregen und an die scheinbar ewigen Baustellen auf der Museumsinsel erinnern.
Berlins ikonische Kulturbauten sind Wahrzeichen der Stadt. Und sie sind in einem sehr schlechten Zustand. Für die Baumaßnahmen in den Konzertgebäuden und für die Herrichtung eines Ausweichquartiers der Philharmoniker sind nach jetzigem Stand 1,15 Milliarden Euro veranschlagt. Bei einem optimalen Ablauf könnten die Arbeiten am Kulturforum 2032 beginnen und 2040 abgeschlossen sein. So steht es in einer jetzt veröffentlichten Machbarkeitsstudie.
Wasserschäden, Klimaprobleme
Hans Scharouns Philharmonie wurde 1963 eröffnet, der von Edgar Wisniewski entworfene Kammermusiksaal nebenan 1987. Die Häuser entsprechen länger schon nicht mehr den baulichen Standards und leiden unter Verschleiß. Warum erst jetzt die Grundsanierung projektiert wird, bleibt ein Rätsel. Immer wieder dringt Wasser in die Foyers ein.
Seit Jahren wird in der Philharmonie geflickt und notdürftig repariert. Dafür hat das Haus eigene Techniker, die über Spezialwissen verfügen, sonst wäre der Spielbetrieb gefährdet. Für die alten Anlagen fehlen oft Ersatzteile. Die gesamte Haustechnik läuft auf der Felge, und das kann gründlich schiefgehen, wie sich an der Technischen Universität Berlin gezeigt hat. Dort mussten mehrere Gebäude von einem Tag auf den anderen geschlossen werden.

© dpa/Carsten Koall
Eine solche Havarie droht der Philharmonie und ihrem kleinen Bruder nicht. Für die nächsten sechs Jahre soll der weltberühmte Saal noch bespielt werden. Bei einem Rundgang durch das architektonische Meisterwerk zeigen sich die vielfältigsten Mängel, die Spuren der Zeit. Der Brandschutz muss erneuert werden, ebenso die Verkabelung und die Sanitärrohre. Die Klimaanlage entspricht nicht mehr den Anforderungen, Gleiches gilt für die Wärmedämmung. Die Liste lässt sich fortsetzen.
Strenge Vorgaben vom Denkmalschutz
Eines der großen Probleme ist die fantastische Architektur mit all ihren Kanten und Ecken. Da gibt es kaum eine gerade Wand – und es müssen überall die Wände aufgerissen werden, um an Stromleitungen und Abwasserrohre zu kommen. Und jeder weiß, dass ältere Strukturen gern auch Überraschungen bereithalten, wenn man erst einmal dahinterschaut.
Eine weitere Herausforderung ist der Denkmalschutz. Die Vorschriften sind irrsinnig streng und verursachen Kosten. Selbst unsichtbare Bauteile müssen den Regeln der Denkmalschützer entsprechen. Und man kann schon sagen, dass manch ein Detail durchaus eine Modernisierung vertragen könnte, zum Beispiel die Lampen im Foyer, oder der Teppich auf den Treppen. Anders sieht es bei den Glasbausteinen aus, sie gehören unbedingt dazu, wie die goldenen Platten der Fassade. Hier gibt es erhebliche Probleme mit Feuchtigkeit und Feuergefahr. So kann man von einer Großbaustelle Philharmonie sprechen, wo sich unendlich viele kleine Knackpunkte addieren.
Das betrifft nicht weniger den zwanzig Jahre jüngeren Kammermusiksaal. Und es betrifft auch nicht nur die Berliner Philharmoniker, eines der besten Orchester der Welt. Die beiden Konzertstätten werden von vielen anderen Ensembles genutzt, sie sind essenziell für das musikalische Leben Berlins.
Daran schließt sich die Frage an, wo die Philharmoniker während der Bauzeit eine Heimat finden könnten. Intendantin Andrea Zietzschmann favorisiert den Standort Tempelhof, Hangar 1 bis 3. Dort eine Spielstätte einzurichten, erfordert einige Jahre Arbeit, die Kosten werden auf zwei- bis dreihundert Millionen Euro geschätzt. Die Komische Oper zeigt in Tempelhof seit Jahren, was in den Hallen möglich ist. Auch das ICC ist noch als Zwischenquartier im Gespräch.
Der künftige Berliner Senat muss schnell agieren, um den Philharmonikern die Zukunft zu sichern. Und es ist notwendig, dass der Bund sein Engagement verstärkt. Sonst wird es eng. Und womöglich noch viel teurer.