Klassik-Tipps der Woche für Berlin: Alice Sara Ott lässt Griegs Klavierkonzert leuchten
Beim Deutschen Symphonie-Orchester beginnt unter Chefdirigent Kazuki Yamada eine neue Ära. Für sein Antrittskonzert hat er sich mit Pianistin Alice Sara Ott eine prominente Solistin eingeladen.
Prominent sind auch Sopranistin Vera-Lotte Boecker und Bariton Ludovic Tézier, die in dieser Woche zu erleben sind. Dazu starten die ersten Konzerte zu Beethovens 200. Todestag.
Die Berliner Philharmoniker unter Kirill Petrenko sind von Donnerstag (1.10.) bis Samstag (3.10.) mit Brahms’ Klavierkonzert (Solist: Víkingur Ólafsson!) und Strauss’ berühmter Tondichtung „Also sprach Zarathustra“ im Einsatz. Für die eigentlich ausverkauften Konzerte gab es kurzfristig wieder einzelne Restkarten. Hier müssen Sie schnell sein!
1 Vera-Lotte Boecker

© Simon Pauly
Sie ist „femme fatale“ und „femme fragile“ in einem: „Lulu“ aus Alban Bergs unvollendeter Oper. Und eine der Lieblingspartien von Sopranistin Vera-Lotte Boecker (Foto), Artist in Residence am Konzerthaus. „Einerseits unterliegt das Stück den Gesetzen der Zwölftonmusik, andererseits ist es hoch emotional und für mein Empfinden herzzerreißend berührend“, sagt sie. Das Opernmagazin bescheinigte ihr vor drei Jahren in Wien ein „sensationelles Lulu-Debüt“.
Außerdem erklingen Arien aus Opern von Dvořák, Beethoven und Unsuk Chin, Composer in Residence, gerahmt von den Ouvertüren zu „Rusalka“ und „Leonore“. Oscar Jockel dirigiert das Konzerthausorchester.
Teile des Programms sind auch am Sonntag (4.10., ab 11 Uhr, Eintritt frei) im Rahmen des Tages der offenen Tür des Konzerthauses zu erleben. Besucher erwartet ein buntes Programm von der Freitreppe bis in den Großen Saal.
2 Erzählkonzert mit Shelly Kupferberg und dem RSB

© Anton Tal
Der Monat der zeitgenössischen Musik beginnt (2.10. bis 31.10.) und feiert seine zehnte Ausgabe zur Eröffnung mit einem neuen Festival. 15 Ensembles der freien Szene kommen an drei Tagen (2. bis 4.10.) zum Ensemblefest zusammen. Gespielt wird im CANK, dem ehemaligen C&A-Kaufhaus in der Karl-Marx-Straße.
Idee des Festivals ist der Austausch zwischen etablierten Ensembles der Neuen Musik. So spielt das Zafraan Ensemble (Foto) am Samstag gemeinsam mit dem ensemble mosaik. Der Facettenreichtum der freien Szene in Berlin soll sicht- und vor allem hörbar werden. Es gibt Echtzeitmusik, Improvisation und musiktheatrale Performances.
Das komplette Programm finden Sie unter ensemblefest.de. Und wie vielfältig der Monat der zeitgenössischen Musik dann weitergeht, erfahren Sie unter field-notes.berlin. Rund 100 Events, Konzerte, Performances und Klanginstallationen, aber auch Diskussionen erwarten die Zuschauer.
4 Antrittskonzert von Kazuki Yamada beim DSO

© Maurice Haas
Die Gattung des Streichquartetts hatte Hochkonjunktur, als Beethoven sich ihr 1799 erstmals widmete. Wenige Jahrzehnte zuvor war sie noch Terra incognita gewesen, Neue Musik, Avantgarde. Inzwischen hatten allen voran Haydn und Mozart ihr den Weg geebnet – und Maßstäbe gesetzt. An ihnen musste man sich fortan messen.
Aber wie heißt es so schön bei Goethe: „Nur die Lumpe sind bescheiden, Brave freuen sich der Tat!“ Beethoven, ein großer Bewunderer Goethes (was, dies nebenbei, nicht auf Gegenseitigkeit beruhte), trat also entsprechend unbescheiden und tatkräftig in die Fußstapfen beider Meister und blieb, obgleich virtuos und formvollendet, ihrer Tradition zunächst treu.
So entstand, als die Nummer Eins eines sechsteiligen, am Ende in Melancholie mündenden Zyklus, das elegante und Beethoven-typisch dramatische Streichquartett F-Dur op. 18/1. Wobei es sich eigentlich um das zweite handelte, das er komponierte, die Nummerierung bezieht sich lediglich auf die Reihenfolge der Druckfassung.
Es sollte indes nicht lange dauern, bis er seine Vorbilder weitestgehend hinter sich ließ und eigene Maßstäbe setzte, die einen Robert Schumann zu der Äußerung verleiteten, Beethovens Quartette stünden „auf der Grenze von dem, was überhaupt durch Menschengeist und Menschenhand noch erreicht werden kann“. Wohl wahr.
Bereits zu Beethovens 250. Geburtstag im Jahr 2020 war das von der rumänischen Geigerin Corina Belcea in London gegründete Belcea Quartet angetreten, seine sämtlichen 16 Quartette aufzuführen – die Pandemie aber ließ damals das Vorhaben scheitern.
Zum 200. Todestag Beethovens im Jahr 2027 holen die vier Beethoven-erfahrenen Kammermusiker:innen das hehre Projekt nun nach, und zwar in sechs Konzerten von diesem Oktober bis April.
Den Auftakt macht naturgemäß besagtes F-Dur-Quartett. Das war es dann aber auch schon mit der werkimmanenten Chronologie, denn die Programmkonzeption sieht jeweils Kombinationen von frühen, mittleren und späten Werken vor.
Und es folgt kurzerhand das berühmte späte Streichquartett B-Dur op. 130 mitsamt der berüchtigten Großen Fuge B-Dur op. 133, von der Igor Strawinski schwärmte, sie sei „ein absolut zeitloses Musikstück. Ich werde sie immer lieben. Sie ist zeitgenössisch und wird es auch immer bleiben.“
Tatsächlich stieß insbesondere die Fuge bei ihrer Uraufführung einst auf heftige Ablehnung. Ursache dafür war, dass Beethoven sich – zu unserem Glück – nicht (mehr) um Konventionen oder Harmonien scherte, was auf ein und dasselbe hinauslief, und seine späte Musik alles andere als gefällig war. Kurz: Er brach auf in die Moderne. (tos)
6 Liederabend mit Ludovic Tézier