Conchita Wurst singt Wiener Lieder: Die Show „Frau Thomas & Herr Martin“ ist das Gegenteil vom ESC
Schön, dass es so was gibt! Im unerbittlichen Konkurrenzdruck der Castingshows, wo sich alle dem Ruhm zustrebenden Gesangstalente die Augen auskratzen wollen, obwohl sie sich vor den Fernsehkameras ständig um den Hals fallen, erblühen Künstlerfreundschaften. So wie die von Tom Neuwirth und Martin Zerza, die sich 2006 bei der österreichischen Castingshow „Starmania“ kennengelernt haben, im Jahr darauf die sehr kurzlebige Boyband jetzt anders! gründeten und inzwischen mit der Musikshow „Frau Thomas & Herr Martin“ unterwegs sind.
Und weil Tom Neuwirth 2014 schlagartig weltberühmt wurde, als er als Drag Queen Conchita Wurst mit der theatralischen Ballade „Rise Like A Phoenix“ den Eurovision Song Contest gewann, hat sich im Tipi am Kanzleramt zum Berlin-Debüt der Österreicher und ihrer dreiköpfigen Band Die Pralinen ein von Beginn an aufgepulvert applaudierendes Publikum eingefunden.
„Frau Thomas & Herr Martin“ – sie, also Conchita Wurst, in atemberaubender roter Robe, er erst im beigen, später im schwarzen Glänzeanzug mit transparentem Top – gastieren im Rahmen der Reihe „Willkommen Österreich“, in der das Tipi und die Bar jeder Vernunft in loser Folge erfolgreiche Acts aus Austria nach Berlin einladen.
Ösi-Schmäh und Weltumarmung
„Ruck ma z’samm“ lautet das weltumarmende Motto der Show, die selbst geschriebene Lieder mit Klassikern aus den Sechzigern wie „Sag mir Quando“ und dem tollen Samba „Mas Que Nada“ und Kabarettchansons kombiniert. Und selbstverständlich österreichischen Schmäh beschwört. Den swingenden, mit viel Latin angereicherten musikalischen Ton setzt das Intro der smarten Band, die aus Caro Loibersbeck am Flügel und E-Piano, Clara Loibersbeck am Kontrabass und Lukas Klement am Schlagzeug besteht.
Nach der Auftaktnummer „Herzlich willkommen“ begrüßt Conchita Wurst, die mit Goldklunkern am Ohr, Federpuschel auf dem Kopf und divenhaftem Strahlen Glam verbreitet, na? Genau: Berlin. „So schön, dass ihr alle gekommen seid. Auf euch ist Verlass“, freut sie sich und meint gewiss die stark vertretene queere Fangemeinde. „Ich glaube, hier wird ernstzunehmendere Politik als da drüben gemacht“, ulkt sie mit Blick auf das nebenan gelegene richtige Kanzleramt.
Und dann entfaltet in mehreren Nummern ein gesungenes Beziehungsgekabbel zwischen Frau Thomas und Herrn Martin, selbstverständlich nach Wiener Art. Im Kabarettlied „Die Überbeschäftigte“ beklagt sich Frau Thomas als gestresste Ehefrau beim Gatten: „Du schlägst mir meinen zweiten Mercedes ab, wo ich ihn im Haushalt so notwendig hab’“. Unter allgemeinem Gelächter teilt die gesanglich keineswegs indisponiert wirkende Conchita Wurst zusätzlich mit, dass sie ein „Sportkorsett“ unter dem Abendkleid trägt, das sie „etwas dünnatmig“ macht.
Flankiert von solcherlei Scherzen und Schlagabtauschen der Bühnenpartner wechseln die Nummern. Im Wiener Lied „D’Chefin Söwa“ bekommt eine grantige Nachtclubwirtin ihr Fett weg. Und wenn Frau Thomas sich am Ende des Songs „Vergessen“ zu opernhafter Wucht aufschwingt, kommentiert Herr Martin: „Immer hat sie nicht nur das letzte Wort, sondern auch den letzten Ton.“
Schwarz, die Berliner Alltagstracht
Der ist sowohl bei den präzise getimten Songs als auch bei der ersten und zweiten Hälfte des Abends immer viel zu früh erreicht. Etwas länger dürften sie schon singen, die Frau Thomas und der Herr Martin.
Nach der Pause, als alle „in Berliner Alltagstracht“ – also in Schwarz – gewandet sind, wie Conchita Wurst anmerkt, wird das Programm dann poppiger und appellativer. Die schöne Ballade „Ruck ma z’samm“ verbindet Conchita Wurst mit der Aufforderung, nicht immer das Ego voranzustellen und recht haben zu wollen. „Das Schöne zu benennen, ist ein toller Start in ein Gespräch“, empfiehlt sie.
Gesanglich ist das Duo Conchita Wurst und Martin Zerza ein zweistimmig eingespieltes Team, dem zuzuhören Spaß macht. Und als nach einer großartig swingenden Liebeserklärung an deren Heimatstadt „Wien, du allerscheenste“ als weitere Zugabe auch noch eine Ranwanzerei an Berlin ertönt – als Umdichtung von „New York, New York“ –, ist der Jubel groß.