„Förderer, Vernetzer und Brückenbauer“: Comicszene trauert um Paul Derouet

Seine Begeisterung war ansteckend. Die Leidenschaft, mit der der Übersetzer, Kurator und Lehrer Paul Derouet sich der Förderung der Kunstform Comic verschrieben hatte, übertrug sich direkt auf die Menschen in seinem Umfeld.

Wer mal mit ihm zusammengearbeitet hat, wie der Autor dieses Artikels unter anderem in einer Comic-Jury, der fühlte sich ihm gleich verbunden. Auch wegen seiner sehr herzlichen, offenen und trotz seiner vielen Verdienste um den Comic bescheidenen Art. Jetzt ist Paul Derouet mit 79 Jahren gestorben.

„Die deutsche und die deutsch-französische Comicszene verliert einen ihrer wichtigsten Förderer, Vernetzer und Brückenbauer“ – unter dieser Überschrift teilte der Internationale Comic-Salon Erlangen am Sonntag die Nachricht: Am frühen Morgen des 22. Mai sei Derouet, der viele Jahre in Deutschland gelebt hatte, „nach langer und schwerer Krankheit in seiner nun wieder französischen Heimat im Kreise seiner Töchter friedlich eingeschlafen“.

Dass es heute eine nennenswerte deutsche Comicszene gibt, ist auch Paul Derouet zu verdanken, der so viele Zeichner*innen entdeckt, motiviert und gefördert hat, die heute gelesen, gedruckt, ausgestellt und rezensiert werden.

Isabel Kreitz, Comiczeichnerin

Von seiner Familie und seinen Freundinnen und Freunden habe er sich so verabschiedet: „Je suis prêt. Ich finde, ich hatte ein interessantes Leben. C’est la fin, c’est tranquille.“ („Ich bin bereit. Es ist das Ende, alles ist friedlich.“)

Paul Derouet (links) bei der Max-und-Moritz-Gala 2018, wo ihm der Spezialpreis der Jury verliehen wurde. Neben ihm das Moderations-Duo Christian Copyright: Internationaler Comic-Salon Erlangen – Foto: Erich Malter, 2018
Paul Derouet (links) bei der Max-und-Moritz-Gala 2018, wo ihm der Spezialpreis der Jury verliehen wurde. Neben ihm das Moderations-Duo Christian Gasser und Hella von Sinnen.

© Internationaler Comic-Salon Erlangen, Erich Malter

Die Nachricht löste am Sonntag nach ihrem Bekanntwerden große Trauer in der deutschen Comicszene aus. Denn Derouet war vielen Zeichnerinnen und Zeichnern hierzulande über Jahre verbunden – als Agent, Übersetzer, Kurator, Berater und Lehrer. Besonders nachhaltig war sein Einfluss auf die heimische Comiclandschaft über Jahrzehnte durch das Internationale Comic-Seminar in Erlangen, das in den vergangenen 40 Jahren zahlreichen Comicschaffenden auf ihrem Weg geholfen hat.

Aus dem Seminar, 1986 von Derouet als deutsch-französisches Zeichner-Seminar gestartet, sind seitdem „zahlreiche deutsche Comic-Stars hervorgegangen“, wie es im Nachruf des Comic-Salons heißt. Das war vor allem in den ersten Jahrzehnten eine wichtige Pionierarbeit, als es in Deutschland im Gegensatz zu späteren Jahren noch keinerlei Comic-Ausbildung an Hochschulen und anderen Bildungseinrichtungen gab.

Derouet, der in Frankreich als Lehrer gearbeitet hatte, kam 1980 der Liebe wegen nach Deutschland. Er gründete hier unter anderem eine Agentur, um Zeichnerinnen und Zeichner zu vertreten – und vermittelte in den folgenden Jahrzehnten vielen Menschen in seiner Wahlheimat die hohe Wertschätzung für die sequenzielle Bilderzählung, die in Frankreich ganz selbstverständlich ist.

Als Übersetzer brachte er zudem dem französischsprachigen Publikum unter anderem die Werke von deutschen Szene-Stars wie Ulli Lust, Reinhard Kleist, Mawil und Barbara Yelin näher, die nicht zuletzt dank seiner Arbeit heute auch international sehr geschätzt werden.

Derouet war Comic-Salon Erlangen eng verbunden

Derouet gehörte zudem 1984 zur Gründergeneration des Internationalen Comic-Salons Erlangen. Er blieb dem Festival „bis zuletzt aufs engste verbunden“, heißt es in der am Sonntag veröffentlichten Erklärung des Kulturamts Erlangen, das das zentrale Event der deutschsprachigen Szene alle zwei Jahre veranstaltet. Der inzwischen 22. Comic-Salon, an dem der Autor dieses Artikels als Moderator und Kurator beteiligt ist, findet in knapp zwei Wochen statt, vom 4. bis 7. Juni.

Erlangen verdanke Derouet unter anderem „unzählige legendäre Einzel-Ausstellungen“, heißt es im Nachruf des Kulturamts, unter anderem von Jean Giraud alias Moebius, Lorenzo Mattotti und Jacques Tardi. Dazu kamen große Gruppenausstellungen wie „Manhua – Comic im China von heute“ oder „Illustration der Geschichte. Comics aus der arabischen Welt“.

Wie wichtig vor allem das von ihm ins Leben gerufene Comic-Seminar für die deutsche Szene war, hat vor einigen Jahren die mit Derouet befreundete Zeichnerin Isabel Kreitz hervorgehoben. Sie hat sich mit Graphic Novels wie „Haarmann“ und zuletzt „Die letzte Einstellung“ als eine der wichtigsten Comicautorinnen des Landes etabliert.

„Dass es heute eine nennenswerte deutsche Comicszene gibt, ist auch Paul Derouet zu verdanken, der so viele Zeichner*innen entdeckt, motiviert und gefördert hat, die heute gelesen, gedruckt, ausgestellt und rezensiert werden“, sagte sie 2018 bei der Verleihung des Spezialpreises der Jury des Max-und-Moritz-Preises an Derouet, mit dem er damals „für seine Verdienste als Brückenbauer zwischen Kulturen und Generationen“ geehrt wurde.

Die Max-und-Moritz-Preise gelten als die wichtigste Branchen-Ehrung der deutschsprachigen Szene, der Autor dieses Artikels war von 2014 bis 2018 Mitglied der Jury.

Zahlreiche Zeichnerinnen und Zeichner äußerten am Sonntag, als die Nachricht auf sozialen Medien geteilt wurde, ihre Trauer. „Ein toller Mann, der uns so viel Freude und Wissen gegeben hat“, schrieb der Autor und Zeichner Thomas von Kummant („Gung Ho“) auf Instagram unter die von Zeichner Ralf Marczinczik („Digger“) geteilte Mitteilung.

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Unterstützt wird er durch wechselnde renommierte Comicschaffende, darunter Flix, Reinhard Kleist, Mawil, Birgit Weyhe, Barbara Yelin sowie Tagesspiegel-Zeichnerin Naomi Fearn.

„So traurig und gleichzeitig so viele schöne Erinnerungen an Paul und so eine Freude, mit ihm Zeit verbracht zu haben“, schrieb Fearn am Sonntag auf Instagram. „Wieviele zeichnende Menschen er zusammengebracht hat und wie viel Humor und Herzenswärme dabei war.“