Das DFB-Team ringt um Stabilität: Die Offensive ist in WM-Form, die Defensive noch weit entfernt davon

Vor fast genau zwei Jahren entfachte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor der Heim-EM eine Euphorie, wie sie lange nicht zu spüren gewesen war. Mit Siegen gegen Frankreich und die Niederlande machte man die schwierigen Monate zuvor vergessen und legte den Grundstein für ein mitreißendes Turnier.

Davon ist die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann derzeit allerdings weit entfernt. In zweieinhalb Monaten beginnt die WM in den USA, Kanada und Mexiko – und nach dem ersten Spiel der letzten regulären Abstellungsperiode hinterließ das DFB-Team eindeutig mehr Frage- als Ausrufezeichen.

Beim 4:3-Sieg am Freitagabend gegen die Schweiz präsentierte sich höchstens die Offensive bereits in Turnierform. Florian Wirtz spielte überragend auf, legte zwei Treffer auf und erzielte zwei weitere selbst. Serge Gnabry überzeugte mit einem Tor und einer Vorlage, und Kai Havertz deutete bei seinem Comeback nach fast eineinhalb Jahren an, welche Qualität er dieser Mannschaft im Sturm eigentlich geben kann.

Havertz erarbeitete sich Chance um Chance, doch die fehlende Spielpraxis war unübersehbar – er nutzte keine seiner teils sehr guten Möglichkeiten. Dazu kam mit Debütant Lennart Karl jemand, der in der Lage ist, für frische Impulse von der Bank zu sorgen. Der 18-Jährige initiierte nach seiner Einwechslung mehrere Angriffe über die rechte Seite – etwas, das Leroy Sané zuvor kaum gelungen war.

Es gab also durchaus Positives bei diesem 4:3, nicht zuletzt das Ergebnis. Doch zustande kam es äußerst holprig. Nico Schlotterbeck unterliefen vor beiden Schweizer Treffern einfache Abspielfehler, und auch seine Mitspieler wirkten im Aufbau zu häufig unsicher und nervös bei hohem Druck. Selbst der zuletzt formstarke Jonathan Tah zeigte eine durchwachsene Leistung: ein Tor auf der einen, ein Stellungsfehler mit Gegentreffer auf der anderen Seite.

Der Eindruck bleibt: Die Defensive ist noch weit davon entfernt, bereit für eine WM zu sein. In der Innenverteidigung ist ohnehin weiterhin offen, wer beim Turnier gesetzt ist – auch wenn Antonio Rüdiger in Basel 90 Minuten auf der Bank saß.

Klar ist aber, dass man im Juni ein Duo braucht, das sich auf seinem absoluten Leistungsmaximum befindet, um mit Topnationen mithalten zu können. Gegen die Schweiz ließ Deutschland viel zu viel zu – wie bereits im November gegen Luxemburg.

Die Ausgangslage ist nun sicher nicht so schwierig wie Anfang 2024. Trotzdem bestehen noch zu viele Baustellen, die Trainer Nagelsmann schnell schließen muss. Am Montag gegen Ghana (20.45 Uhr, RTL) bietet sich der Mannschaft eine letzte Möglichkeit vor der WM-Vorbereitung, ein anderes Gesicht zu zeigen. Gelingt das, könnte aus der derzeitigen Unsicherheit vielleicht doch noch der nötige Schwung entstehen.