Channing Tatum mit Vergewaltigungsdrama auf der Berlinale: Wie soll ich das meiner Tochter erklären?
Eltern sind es gewohnt, dass ihnen ihre Kinder Löcher in den Bauch fragen. Manchmal ist das unangenehm oder kompliziert. Aber in den seltensten Fällen dürften sie so überfordert sein, wie die Eltern in Beth de Araújos Spielfilm „Josephine“, in dem die achtjährige Titelfigur ihre Eltern immer wieder vor riesige Probleme stellt mit ihren Fragen.
„Bist du mal vergewaltigt worden?“ ist eine davon. Josephine (Mason Reeves), von den Eltern meist Jo oder Jojo genannt, stellt sie ihrer Mutter Claire (Gemma Chan, bekannt aus „Crazy Rich Asians“) während einer Autofahrt. Die Mutter verneint, doch sie beginnt zu weinen, um dann zu versichern: „Hey, ich bin okay. Menschen halten eine Menge aus.“
Eine Menge auszuhalten hat vor allem Josephine in diesem packenden Drama, das als letzter Film in den Berlinale-Wettbewerb startet. Die in San Francisco aufgewachsene Regisseurin verarbeitet darin eine Erfahrung, die sie im selben Alter wie die Titelfigur gemacht hat und die gleich zu Beginn ihres zweiten Spielfilms ins Bild gesetzt wird: Josephine und ihr Vater Damien (Channing Tatum) joggen am Sonntagmorgen durch den Golden Gate Park. Als das Mädchen ein Stück vorneweg sprintet und sich im Unterholz versteckt, sieht es eine Frau, die von einem Mann brutal vergewaltigt wird. Damien kommt kurz darauf hinzu, verfolgt und stellt den Täter.
Bis dahin wusste Josephine nichts über Sex, geschweige denn über Vergewaltigungen. Nun beginnt für sie ein schmerzhafter Lernprozess, der das Erlebnis im Park noch verlängert. Dass ihre Eltern ihre vielen Fragen mal nicht, mal unzureichend beantworten, ist Zeichen ihrer Hilflosigkeit. Erschwerend kommt hinzu, dass sie sich untereinander nicht einig sind, wie sie mit der Situation umgehen sollen.
Claire möchte Jo zu einer Psychologin schicken. Als Jo auf dem Weg zu ihr wegläuft, setzt sich Damien mit seiner Idee durch, die Tochter zum Selbstverteidigungstraining zu schicken. Channing Tatum („Like Mike“) spielt diese Rolle des kernigen Vaters, der mit seiner fußballverrückten Tochter meistens wie ein Trainer spricht, mit großer Virilität, in die sich aber auch immer wieder Verletzlichkeit mischt. Dass Josephine Männer generell als Bedrohung zu sehen beginnt, schließt in einer Situation sogar ihn mit ein. Er versteht es, aber die sich anschließende Familienaussprache eskaliert.
Mason Reeves mit starker Debütleistung
„Josephine“ lief im Januar bereits auf dem Sundance-Festival, wo er den Großen Preis der Jury und einen Publikumspreis gewann. Ihn dennoch um den Goldenen Bären konkurrieren zu lassen, ist eine gute Entscheidung der Berlinaleleitung – nicht nur, weil sie am Premierenabend noch etwas Hollywood-Glam auf den roten Teppich bringt. Sondern vor allem, weil der Film mit einer außergewöhnlichen Sensibilität von einem traumatisierten Kind und der Krise seiner Familie erzählt.
Mason Reeves macht ihre Sache in ihrer ersten Hauptrolle unglaublich gut. Von Regisseurin und Drehbuchautorin Beth de Araújo zufällig auf einem Bauernmarkt entdeckt, wird sie zum glühenden Kraftzentrum des Films. Jos Wut und Verlorenheit vermittelt sie mit einer solchen Direktheit, dass ihre Fragen sich auch dem Publikum aufdrängen.
Als der Täter auf Kaution freikommt, schreit sie einen Polizisten an, wie das sein kann. Zudem drängt sich immer wieder die Frage auf, weshalb Josephine eigentlich kein krisenpsychologisches Hilfsangebot bekommt. Erst als es darum geht, dass sie vor Gericht gegen den Täter aussagt, wird ihr eine liebe Betreuerin zur Seite gestellt. Doch für Jos heftige posttraumatische Stressreaktionen im Alltag ist sie nicht zuständig.
Und so ist „Josephine“ nicht zuletzt ein systemkritischer Film, der zeigt, wie Betroffene sexualisierter Gewalt allein gelassen werden. Das Opfer aus dem Park bekommt im Film keinen Namen, es zieht aus der Stadt weg und will nicht aussagen, schon das ist ein Misstrauensbeweis für die Justiz. So hängt die Gerechtigkeit allein an Josephine.
Beth de Araújo musste in dem von ihr beobachteten Fall nicht selbst aussagen. Ihr Vater konnte sie vertreten. Dennoch hat das Trauma sie lange verfolgt, wie sie in einem Interview erzählt hat. Den Film zu machen sei teils kathartisch gewesen. Ihn zu sehen, ist es ebenfalls.