„Irgendetwas ist passiert“ an der Volksbühne: Wenn Granaten in die Ehe einschlagen

Eigentlich wollten Paul und Claudia ja nur joggen gehen. Wie man das so tut als gesundheitsbewusstes Mittelstandspaar hiesiger Breiten. Aber irgendetwas hat sich aufgestaut. Fragen nach dem Verbleib des Hausschlüssels provozieren eine Ehekrise, alltägliche Vokabeln triggern Trennungsimpulse mit Suizidandrohungen.

Großartig, wie Fabian Hinrichs dieses Intro in der Berliner Volksbühne spielt. Wie in „ja nichts ist ok“ – dem letzten Abend, den der Schauspieler 2024 zusammen mit dem verstorbenen Volksbühnenintendanten René Pollesch entwickelt hatte – steht er allein auf der Bühne und verkörpert die Charaktere, die miteinander in Dialog treten, mittels subtiler Positions-, Gestus- und Stimmlagenwechsel alle selbst. Während Paul an einem ausgeprägt froschbeinigen Joggingstil erkennbar ist, wechselt Hinrichs als Claudia die Bühnenseite und verfällt in einen hochgetunten Aggro-Trippelschritt.

„Irgendetwas ist passiert“ heißt der Abend, der sich tatsächlich in vielerlei Hinsicht als Fortführung von „ja nichts ist ok“ lesen lässt, aber gleichzeitig vollkommen eigenständig und überhaupt ziemlich singulär ist. Fabian Hinrichs hat ihn zusammen mit seiner Frau Anne Hinrichs erarbeitet; beide zeichnen gemeinsam für Text und Regie verantwortlich. Und was sie aus dem Mikrokosmos dieser Paarkrise heraus entwickeln, ist nicht weniger als eine präzise philosophische Gegenwartsdiagnose – vielleicht die klügste, die bis dato auf einer Bühne zu sehen war.

Privates Festkrallen in einer Welt aus den Fugen

Nach dem Jogging-Intro öffnet sich der eiserne Vorhang und gibt den Blick frei auf Nina von Mechows kongeniale Bühne: ein Doppelstock-Haus ohne Außenwände, daneben eine Garage mit Mülltonne davor, eine Plakatwand und eine Bildschirm-Säule, auf der in Endlosschleife Werbeclips der höchstpreisigen Fashion-Brands laufen. Letzte Grüße aus einer alten, überholten Welt, die immer noch mit ihren ausgehöhlten Signifikanten spielt, während globale Krisen und Kriege längst andere, brutale Realitäten schaffen. Alles sei „Zeichen geworden“, attestiert Hinrichs einmal der Postmoderne in ihrem Endstadium, „auch das Morden“.

Fabian Hinrichs in „Irgendetwas ist passiert“ an der Volksbühne„Warten auf Godot“ in Plötzensee Eine großartige Beckett-Aufführung mit Häftlingen „Heimsuchung“ am Deutschen Theater Berlin Mit Jenny Erpenbeck ins Sommerhaus

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Die Welt und unsere Welt waren damals noch getrennt“, erinnert sich Paul an den ersten Abend mit Claudia 2011 in seiner Hinterhauswohnung. Jetzt, im Eigenheim, sind an die Stelle der Außenwände überlebensgroße Bilder aus der zerstörten Ukraine oder Gaza getreten, Videoprojektionen von Putin beim Angeln und von Trump beim Golfspielen; verbale Verletzungen korrespondieren mit Granateneinschlägen. So düster, melancholisch und schonungslos ehrlich haben wir uns selbst womöglich noch nie auf der Bühne gesehen – gerade weil Hinrichs es schafft, jedwedes Einkuscheln in Kitsch oder Pathos zu vermeiden.

Am Ende liegen Paul und Claudia im Schlafsack vor der Garage, niemand will ins Haus mit der hässlichen Küchenarbeitsplatte, der schrecklichen Eismaschine und dem furchtbaren Brotbackautomaten zurück. Eine Ende – und vielleicht ein Anfang. Von der Plakatwand schaut dazu – einsam zwischen lauter politischen und kommerziellen Slogans – das Konterfei von René Pollesch, eingehüllt in eine Decke.