Berlin-Fotografien von David Lynch: Eine Wegbegleiterin erzählt, was den Regisseur an der Stadt faszinierte
Es gibt ein Foto von David Lynch, das ihn in Berlin zeigt, Ende des letzten Jahrtausends. Hinter ihm sind ein Wohnhaus und karge Äste, ein Stück Mauer und der immergraue Berliner Winterhimmel zu sehen. Lynchs Gesicht ist leicht unscharf. Er schaut direkt in die Kamera, irgendwie besorgt, die linke Augenbraue nach unten gezogen, die rechte nach oben, parallel zur Welle seiner Haartolle. „Er guckt da so komisch, weil er Angst hatte, dass ich seine Kamera fallenlasse, eine Leica“, sagt Heidrun Reshöft, die das Foto aufgenommen hat.
David Lynch, der amerikanische Kult-Regisseur, kam damals, im Jahr 1999, für einige Tage nach Berlin, um Aufnahmen für seine Serie „Factory Photographs“ zu machen, für die er vor allem verlassene Industriebauten fotografierte und die in der gerade eröffneten Ausstellung „David Lynch: On View“ in der Berliner Pace Gallery zu sehen sind.

© The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery
Lynch interessierte sich für die Architektur der Bauwerke, für ihren Verfall und das, was dieser freilegte, aber sicher auch für das Unheimliche, Gespensterhafte, die Heimsuchungen der Vergangenheit, die an diesen „Lost Places“ zu finden waren. Allerdings stieg er nicht, wie es etwas später zu einer beliebten Aktivität vieler (Hobby-)Fotografen wurde, illegal in die leer stehenden Fabrikgebäude ein, sondern holte sich vorher Genehmigungen, sagt Reshöft.

© The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery
Die Norddeutsche hatte Lynch bei Dreharbeiten zu einem Kurzfilm fürs französische Fernsehen kennengelernt, war später Produktionsassistentin bei seiner Serie „Twin Peaks“ und dem Spielfilm „Wild at Heart“. Und nun begleitete sie ihn bei seinem Berlintrip, fuhr ihn durch die Stadt, zu einer alten Eisfabrik in Kreuzberg oder raus über die A24. Daran, in welchem Hotel Lynch bei diesem Besuch residierte, kann sie sich nicht erinnern. „Aber er mochte es, schön zu wohnen“, sagt sie, das Adlon oder das Savoy gehörten zu seinen typischen Anlaufstellen.
Lynch interessierte sich für das Trauma des 20. Jahrhunderts

© The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery
Abends gingen sie essen und führten lange Gespräche. Lynch habe sich für alles interessiert, was mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Trauma des 20. Jahrhunderts zu tun hatte, sagt Reshöft. Wiederholt habe er sie nach der tragischen Geschichte ihrer Familie in dieser Zeit befragt. Ihn hätten die psychologischen Aspekte des Lebens im Nationalsozialismus interessiert, die Gewissenskonflikte und Fragen danach, was es mit jemandem macht, wenn man nicht weiß, wem man vertrauen kann und wem nicht.
Auch für die DDR und die Teilung Berlins interessierte er sich. „Über Silvester 1989 bin ich aus den USA, wo ich damals gelebt habe, nach Berlin geflogen, um David ein Stück Mauer abzuschlagen“, sagt sie und googelt parallel. „Ah, ich sehe gerade, das wurde bei einer Auktion seines Nachlasses für 9000 Dollar verkauft.“
Als Lynch vor einem Jahr, wenige Tage vor seinem 79. Geburtstag, überraschend an den Folgen einer Lungenerkrankung starb, war Reshöft gerade im Flugzeug nach Los Angeles, um ihn zu besuchen. Noch immer halle die Trauer in ihr nach. „Er war so ein feinfühliger Mensch, immer interessiert an anderen“, sagt sie am Telefon.
Hundert Meter lang ist die Schlange vor der Galerie
Auch bei der Ausstellungseröffnung ist die Lücke, die Lynch im Leben vieler hinterlassen hat, zu spüren. Die Pace Gallery, die sich in einer umgebauten Tankstelle in Schöneberg befindet und mit ihrem Roadmovie-Charme, den Fichten im Vorgarten und den im halb vereisten Teich ruhenden Kois selbst etwas lynchianisches hat, ist am Eröffnungsabend brechend voll. Sicher 100 Meter lang ist die Schlange an Menschen, die sich gegen 18.30 Uhr vor der Galerie gebildet hat, was sicher nicht allein an den Freigetränken liegt.
Drinnen sind auch einige Weggefährten Lynchs, wie Sabrina Sutherland, die als Produzentin mehr als 35 Jahre mit Lynch gearbeitet hat und eine enge Freundin wurde. Sie erzählt, wie emotional die Ausstellung für sie ist. „Ich musste vorhin weinen, weil ich ihn in all diesen Werken fühlen kann“, sagt sie.
Die Schau zeigt die etwas weniger bekannte, aber sehr umfangreiche und wichtige Seite seines künstlerischen Werks: Gemälde, Skulpturen, Fotografien und ein früher Kurzfilm. „The Alphabet“ von 1969 verbindet Lynchs malerisches Schaffen mit Filmaufnahmen. In dem Video über ein Mädchen, gespielt von Lynchs erster Ehefrau, das Buchstaben schlucken muss und daraufhin Bluttropfen ausspuckt, sind bereits die Themen zu sehen, für die er später weltberühmt wurde: das Absurde, das Surreale, das (Alp)traumhafte. Der Horror des Banalen und das Unschuldige, das auf rohe Gewalt trifft.

© The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery
„Es gibt eine bestimmte Art lynchianischer Sprache, die in den Filmen präsent und berühmt ist, deren Ursprung aber in Lynchs Denken als Maler liegt“, sagt Oliver Shultz, Chefkurator der Pace Gallery. Dazu gehört etwa die Zerlegung des Körpers in seine einzelnen Teile, ein Motiv, das sich durch Lynchs Kunst zieht: Das abgetrennte Ohr, das bei „Blue Velvet“ im Gras liegt, findet in der Malerei und Fotografie seine Entsprechung in einzelnen Gliedmaßen, körperlosen Köpfen und Fragmenten nackter Körperstellen.

© The David Lynch Estate, courtesy Pace Gallery/Foto: Jana Weiss
Mit der Malerei begann David Lynch bereits als Jugendlicher, studierte sie in Boston und Philadelphia. Auch als er sich in Los Angeles mehr der lukrativeren Arbeit im Filmbusiness zuwandte, hörte er nie auf zu malen. Lynchs Kunstwerke sind düster, dominiert von Schwarz in unterschiedlichen Strukturen und Stärken, und von einer eigentümlichen Schönheit. „Wir haben oft Angst, dorthin zu schauen, wo die Schatten sind. David ist, der Angst zum Trotz, immer tiefer in diese dunklen Orte eingedrungen. Für ihn lag dort eine Form der Erlösung“, sagt Shultz.
Dass Lynch noch so viele begeistert, ist ein gutes Zeichen
Lynch spielte dabei gerne mit scheinbar banalen, häuslichen Motiven, hinter denen sich eine mögliche Bedrohung verbirgt. Irgendwas stimmt nicht. Aber was? Wie bei der berühmten Szene im roten Raum bei „Twin Peaks“, in dem ein Mann (gespielt von Michael J. Anderson) in einer unheimlichen, fremden Sprache spricht, die man aber doch irgendwie versteht. Um diesen Effekt zu erzielen, ließ Lynch Anderson Sätze auf ein Tonband sprechen, das Lynch dann rückwärts abspielte. Anderson sprach die rückwärts abgespielten Worte erneut ein, und anschließend wurde das Ganze wieder umgedreht. Das Ergebnis wirkt auf seltsame Art verstörend.
Doch so sehr Lynch an den Abgründen, am Bösen interessiert war, so sehr glaubte er an das Gute im Menschen. Lynch ist bekannt dafür, keine Allüren am Set gehabt zu haben, seine Wegbegleiterinnen beschreiben ihn als lustig und liebenswert. Er meditierte über 50 Jahre lang zweimal täglich und war fest davon überzeugt, dass die Welt durch transzendentale Meditation zu einem besseren Ort werden könne. Diese Überzeugung hätte Berlin fast zu einer „Friedensuniversität“ gebracht, die Lynch zusammen mit dem Guru Raja Schiffgens auf dem Teufelsberg errichten wollte. Das bizarre Projekt scheiterte an der Baugenehmigung.
So wie zwischen seiner Persönlichkeit und dem, was er künstlerisch darstellte, eine Diskrepanz herrscht, kann man auch nie ganz greifen, was in Lynchs Kunst passiert. Dass sie auf ihre rätselhafte, oft obskure und dem Mainstream ferne Art trotzdem – oder gerade deswegen – noch so viele Menschen unterschiedlicher Generationen und Herkünfte begeistert, ist zumindest ein gutes Zeichen für unsere Welt.