Abgründe, Umbrüche und ein Berliner Neuanfang: Die Gewinnerbilder des „Rückblende“-Preises

Fundamentale geopolitische Umbrüche und eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung haben das vergangene Jahr bestimmt. Die wachsenden Herausforderungen für die liberale, regelbasierte Weltordnung und die westliche Demokratie sind auch eines der zentralen Themen vieler Arbeiten, die in diesem Jahr für die „Rückblende“ eingereicht wurden.

Der Preis für politische Fotografie mit dem Karikaturenpreis der deutschen Zeitungen wird jedes Jahr von der Landesvertretung Rheinland-Pfalz und dem Bundesverband der Zeitungsverleger und Digitalpublisher ausgerichtet. Der Tagesspiegel ist Medienpartner.

347

Karikaturen, 655 Fotos und 68 Foto-Serien haben die Jurymitglieder bewertet.

655 Einzelfotos von 191 Teilnehmenden hat die Jury, der auch der Autor dieses Artikels angehörte, diesmal gesichtet. Dazu kamen 68 Fotoserien. Außerdem waren 68 politische Karikaturistinnen und Karikaturisten mit insgesamt 347 gezeichneten Arbeiten vertreten.


Bestes Foto: Amtsübergabe von Olaf Scholz an Friedrich Merz

Mit dem 1. Preis in der Kategorie „Das beste Foto“ wurde eine Arbeit ausgezeichnet, die den Moment eines bundespolitischen Neuanfangs in diesen schwierigen Zeiten festgehalten hat. Marco Urban hat Olaf Scholz und Friedrich Merz während der Übergabe des Bundeskanzleramtes am 6. Mai 2025 beobachtet. Der Berliner Fotograf hat der Szene durch den gewählten Bildausschnitt und vor allem dank einer dramatischen Licht-Schatten-Komposition eine Anmutung verliehen, die an Gemälde von historischen Ereignissen erinnert.

Achtung: Die Bilder müssen bis 20.1. vertraulich behandelt werden und dürfen nicht vorher veröffentlicht werden!
Die Gewinner-Werke des Wettbewerbs "Rückblende" des Tagesspiegels.
Bestes Foto: Marco Urban: Scholz und Merz während der Übergabe des Bundeskanzleramtes an den neuen Bundeskanzler. (Berlin, 6. Mai 2025)
Scholz und Merz während der Übergabe des Bundeskanzleramtes an den neuen Bundeskanzler.

© Marco Urban

Im Zentrum des Bildes reichen sich der alte und der neue Regierungschef die Hand. Sie blicken einander fest in die Augen. Um sie herum stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kanzleramtes auf der einen sowie die Pressefotografen auf der anderen Seite. Das erinnert an eine klassische Agora der griechischen Demokratie, auf der sich die Vertreter des Gemeinwesens zu wichtigen Anlässen versammelten.

Erhellt wird die Szene im Kanzleramt durch einen schräg einfallenden Sonnenstrahl, der die beiden zentralen Akteure von der Seite her beleuchtet und die hinter ihnen stehenden Fahnen der Bundesrepublik und der EU zum Strahlen bringt. Dass die übrigen Umstehenden fast alle im Halbdunkel stehen, verleiht dem Bild zusätzliche Dramatik.


Beste Serie: Langzeitprojekt zu rechten Bewegungen

Die Selbstinszenierung und das Erstarken extrem rechter Bewegungen in Deutschland sind ein Thema, dem sich der Hannoveraner Fotograf Rafael Heygster in seinem Langzeitprojekt „Democracy Dies in Daylight“ gewidmet hat. Sechs Bilder daraus hat die „Rückblende“-Jury als beste Serie des Jahres ausgezeichnet.

Heygsters Bilder sind meisterhaft komponiert und erinnern mit ihren pointierten Hell-Dunkel-Kontrasten und ihrer zurückhaltenden Farbgebung an Filmszenen. Sie erzählen von Propaganda, Personenkult und politischer Ästhetik und dokumentieren eine verstörende Entwicklung am Beispiel ausgewählter Szenen: junge Neonazis bei einem Aufmarsch; AfD-Fans, die euphorisch schwarz-rot-goldene Fahnen schwenken und Alice Weidel als „Kanzlerin der Herzen“ feiern; ein Fackelaufzug rechter Studentenverbindungen, der visuelle Assoziationen an die NS-Zeit provoziert.

Für das Projekt „Democracy Dies in Daylight“, dessen Titel eine Anspielung auf den „Washington Post“-Slogan „Democracy Dies in Darkness“ ist, wurde Heygster im vergangenen Jahr auch international geehrt: Er bekam dafür einen World Press Photo Award.

Achtung: Die Bilder müssen bis 20.1. vertraulich behandelt werden und dürfen nicht vorher veröffentlicht werden!
Die Gewinner-Werke des Wettbewerbs "Rückblende" des Tagesspiegels.
Die beste Serie (6 Bilder): Rafael Heygster: Die Serie zeigt, wie sich rechte Bewegungen in Deutschland inszenieren und erstarken – zwischen Propaganda, Personenkult und politischer Ästhetik, Halle, 25. Januar 2025.
Neonazis demonstrieren in Bautzen gegen den CSD, 10. August 2025.

© Rafael Heygster

Achtung: Die Bilder müssen bis 20.1. vertraulich behandelt werden und dürfen nicht vorher veröffentlicht werden!
Die Gewinner-Werke des Wettbewerbs "Rückblende" des Tagesspiegels.
Die beste Serie (6 Bilder): Rafael Heygster: Die Serie zeigt, wie sich rechte Bewegungen in Deutschland inszenieren und erstarken – zwischen Propaganda, Personenkult und politischer Ästhetik, Halle, 25. Januar 2025.
Wahlkampfauftritt von Alice Weidel im Hamburger Rathaus, 15. Januar 2025.

© Rafael Heygster

Achtung: Die Bilder müssen bis 20.1. vertraulich behandelt werden und dürfen nicht vorher veröffentlicht werden!
Die Gewinner-Werke des Wettbewerbs "Rückblende" des Tagesspiegels.
Die beste Serie (6 Bilder): Rafael Heygster: Die Serie zeigt, wie sich rechte Bewegungen in Deutschland inszenieren und erstarken – zwischen Propaganda, Personenkult und politischer Ästhetik, Halle, 25. Januar 2025.
Sommerfest der AfD, Wolmirstedt, 30. August 2025.

© Rafael Heygster

Achtung: Die Bilder müssen bis 20.1. vertraulich behandelt werden und dürfen nicht vorher veröffentlicht werden!
Die Gewinner-Werke des Wettbewerbs "Rückblende" des Tagesspiegels.
Die beste Serie (6 Bilder): Rafael Heygster: Die Serie zeigt, wie sich rechte Bewegungen in Deutschland inszenieren und erstarken – zwischen Propaganda, Personenkult und politischer Ästhetik, Halle, 25. Januar 2025.
Wahlkampfauftakt der AfD in Halle, 25. Januar 2025.

© Rafael Heygster

Achtung: Die Bilder müssen bis 20.1. vertraulich behandelt werden und dürfen nicht vorher veröffentlicht werden!
Die Gewinner-Werke des Wettbewerbs "Rückblende" des Tagesspiegels.
Die beste Serie (6 Bilder): Rafael Heygster: Die Serie zeigt, wie sich rechte Bewegungen in Deutschland inszenieren und erstarken – zwischen Propaganda, Personenkult und politischer Ästhetik, Halle, 25. Januar 2025.
Wahlkampfauftakt der AfD in Halle mit 4500 Anhängern, 25. Januar 2025.

© Rafael Heygster

Achtung: Die Bilder müssen bis 20.1. vertraulich behandelt werden und dürfen nicht vorher veröffentlicht werden!
Die Gewinner-Werke des Wettbewerbs "Rückblende" des Tagesspiegels.
Die beste Serie (6 Bilder): Rafael Heygster: Die Serie zeigt, wie sich rechte Bewegungen in Deutschland inszenieren und erstarken – zwischen Propaganda, Personenkult und politischer Ästhetik, Halle, 25. Januar 2025.
Der Coburger Convent endet mit einem Fackelzug, 9. Juni 2025.

© Rafael Heygster


Scharfes Sehen: Gedenkgottesdienst für Anschlagsopfer in Magdeburg

Sechs Todesopfer, mehr als 300 Verletzte: Der Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024 erschütterte das Land und wird seit vergangenem November in einem der größten Gerichtsprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte aufgearbeitet.

Wie nahe die Tat den Menschen im Umfeld des Tatorts gegangen ist, vermittelt eindrücklich das Foto von Filip Singer, das er bei einem Gedenkgottesdienst in Magdeburg aufgenommen hat. Dafür wurde er mit dem Preis „Scharfes Sehen“ ausgezeichnet, der Aufnahmen prämiert, die einen besonderen Blick auf das Zeitgeschehen vermitteln.

Achtung: Die Bilder müssen bis 20.1. vertraulich behandelt werden und dürfen nicht vorher veröffentlicht werden!
Die Gewinner-Werke des Wettbewerbs "Rückblende" des Tagesspiegels.
Das Scharfe Sehen: Filip Singer: Menschen versammeln sich vor dem Magdeburger Dom während eines ökumenischen Gedenkgottesdienstes nach dem Autoangriff auf den Weihnachtsmarkt. (Magdeburg, 21. Dezember 2025)
Menschen versammeln sich vor dem Magdeburger Dom während eines ökumenischen Gedenkgottesdienstes nach dem Autoangriff auf den Weihnachtsmarkt.

© Filip Singer

Im Zentrum des Bildes steht eine Trauernde, spärlich erleuchtet von einer Kerze, die sie vor sich hält. Aus den Gesichtern dieser Frau und der Umstehenden lassen sich Schmerz, Anteilnahme und Sprachlosigkeit angesichts der Gewalteskalation eines Täters lesen, dessen Motive nach wie vor unklar sind. Ebenso vermittelt dieses Bild aber auch das Gefühl einer Gemeinschaft, die die traumatische Erfahrung gemeinsam zu verarbeiten versucht.


1. Preis Karikatur: Trump als Denkmalstürmer

Donald Trump stellt die Zunft der Karikaturisten vor eine große Herausforderung: So manches von dem, was die zeichnenden Kommentatoren dem US-Präsidenten in satirischer Übertreibung zugeschrieben haben, wurde schon kurz darauf von der Realität überholt. Muss man sich also jetzt Sorgen um das Lincoln Memorial in Washington machen?

Achtung: Die Bilder müssen bis 20.1. vertraulich behandelt werden und dürfen nicht vorher veröffentlicht werden!
Die Gewinner-Werke des Wettbewerbs "Rückblende" des Tagesspiegels.
1. Preis Karikatur: Frank Hoppmann (M.F. Deubel): Ohne Titel (Handelsblatt, 22. Januar 2025)
Trump Imperator.

© M.F. Deubel

Das Denkmal wird in der Karikatur „Trump Imperator“ von M.F. Deubel, die mit dem 1. Karikaturenpreis der Zeitungen ausgezeichnet wurde, von Donald Trump mit dem Hammer zerstört. Anstelle des Kopfes des 16. Präsidenten der USA, der als Wahrer der Ideale von Demokratie, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit in die Geschichte eingegangen ist, schiebt sich ein maliziös feixender Trump ins Bild. Der im Januar 2025 zum zweiten Mal ins Amt eingeführte US-Präsident hat sich in der Vergangenheit wiederholt als politischer Erbe von Lincoln zu porträtieren versucht – eine Behauptung, die seriöse Historiker entschieden zurückweisen.

Der Kontrast zwischen dem amtierenden US-Präsidenten und seinem Vorvorvorgänger im Amt wird in der für das „Handelsblatt“ geschaffenen Zeichnung auch durch Wahl der zeichnerischen Mittel bekräftigt: Während die von Trump attackierte Lincoln-Marmorstatue in feinem, naturalistischem Bleistiftstrich zu Papier gebracht wurde, sieht man Trump karikiert überzeichnet mit orangefarbenem Kopf und einem diabolisch anmutenden Grinsen im Gesicht.


2. Preis Karikatur: Auf dem Weg zur Kriegstauglichkeit

Die beiden Welten, die in der auf den 2. Karikaturenplatz gewählten Arbeit „Musterung“ von Achim Greser und Heribert Lenz aufeinandertreffen, passen offensichtlich nicht zusammen: Hier drei Bundeswehrvertreter in fortgeschrittenem Alter, deren Institution angesichts der neuen Weltlage kriegstauglich gemacht werden soll – und dort der junge Mann mit dem zum Dutt gebundenen Haar, der das, was jetzt von ihm und seiner Generation erwartet wird, „ein Stück weit voll spooky und ungechillt“ findet.

Achtung: Die Bilder müssen bis 20.1. vertraulich behandelt werden und dürfen nicht vorher veröffentlicht werden!
Die Gewinner-Werke des Wettbewerbs "Rückblende" des Tagesspiegels.
2. Preis Karikatur: Greser & Lenz: Musterung (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Juli 2025)
Musterung.

© Greser & Lenz

Wie Greser und Lenz in ihrer in der FAZ veröffentlichten Arbeit diese Begegnung der unterschiedlichen Generationen und Weltanschauungen mit der Pointe kulminieren lassen, dass ausgerechnet Kandidaten wie dieser aus Sicht des soldatischen Auswahlkomitees das Zeug dazu hätten, „den Russen fertigzumachen“, ist große Karikaturenkunst.


3. Preis Karikatur: Staatsbesuch im Schatten der Epstein-Affäre

Die Affäre um den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und dessen Verbindungen zu Donald Trump sind das Thema der Arbeit, die mit dem 3. Preis für Karikaturen ausgezeichnet wird: „Charles III. führt Trump in die feinsten britischen Kreise ein“ von Burkhard Fritsche, veröffentlicht in der taz.

Achtung: Die Bilder müssen bis 20.1. vertraulich behandelt werden und dürfen nicht vorher veröffentlicht werden!
Die Gewinner-Werke des Wettbewerbs "Rückblende" des Tagesspiegels.
3. Preis Karikatur: Burkhard Fritsche: Charles III führt Trump in die feinsten britischen Kreise ein (Taz, 19. September 2025)
Charles III. führt Trump in die feinsten britischen Kreise ein.

© Burkhard Fritsche

Der Zeichner hat eine Szene imaginiert, die zur Zeit des Staatsbesuchs von Trump im Vereinigten Königreich im September 2025 spielt. Mit jovialem Ton stellt der knollennasige britische Monarch hier seinem Gast zwei weitere Anwesende vor, die Trump „ja schon von den Epstein-Partys“ kenne.