Tote-Hosen-Filmdoku „Das letzte Album“: Wie man etwas mit Würde zu Ende bringt
Campino weint. Erst ist man irritiert: Lallt er, hat er getrunken? Aber nein, er ist erschüttert, er weint: „Dass das jetzt das Ende ist, ist schwer. Ich empfinde keine Euphorie darüber, dass das jetzt das letzte war. Ich bin betrübt.“, sagt der Sänger und Frontmann der Toten Hosen sichtlich angefasst, wie er da so in sich zusammengesunken in einem Studiosessel sitzt.
Campino, der 1962 als Andreas Frege in Düsseldorf geboren wurde, meint damit das mutmaßlich allerletzte Studioalbum, das er mit seiner Band aufgenommen hat – nachdem vor allem er selbst beschlossen hatte, es mit diesen letzten neuen Songs und Alben nach 44 Jahren Bandgeschichte gut sein zu lassen.
„Die Toten Hosen – das letzte Album“ heißt demnach ganz schlicht der Film des Dokumentarfilmregisseurs Eric Friedler, den er für den SWR und den NDR über die Aufnahmen dieses Albums mit dem Titel „Trink aus, wir müssen gehen!“ gedreht hat. Das natürlich auf Wunsch von Campino und seinen Mannen, trotz aller Vorbehalte, die sie hatten.
„Das ist sicher das Intimste, was wir da zusammen im Studio machen, das gab es noch nie“, sagt Gitarrist Andreas „Breiti“ Breitkopf. „Das kann auch nerven“, sagt der zweite Gitarrist der Band, Andreas von Holst, eigentlich nur Kuddel genannt. Und Campino, ein bisschen die Medien scheltend: „Unter normalen Umständen, lässt man da niemand anders dran. Wenn die Scheibe scheiße wird, dann seid ihr daran schuld.“
Aber die Toten Hosen sind ja nun auch nicht irgendwer, sondern seit Jahrzehnten, seit ihrem 88er-Album „Ein kleines bisschen Horrorshow“ mit dem Hit „Hier kommt Alex“, eine der erfolgreichsten Rockbands der Republik, eine Instanz, gleich nach Udo Lindenberg und Herbert Grönemeyer. Deshalb diese Inszenierung. Da reicht es einfach nicht, so ein Ende allein qua Promo-Interviews mitzuteilen. Ganz über den Weg traut man dem Ganzen sowieso nicht, dafür sind zu viele Popstars schon wieder zurückgetreten von ihren Rücktritten.
Doch die Erzählung von einem „letzten Album“ macht diesen Film stimmig, strukturiert ihn, sorgt für eine gewisse Melodramatik – und liefert aufschlussreiche Einblicke in die doch langwierige Produktion eines Rockalbums, die im Februar 2024 begann und zwei Jahre später mit sechzehn fertigen Songs abgeschlossen wurde.
Von Glamour keine Spur
Von Glamour keine Spur in diesem Landhaus im Münsterland mit Studio, Küche und Unterkünften: allein die Teppiche im Studio. Dann die Pizza vom Lieferdienst, eine der miesesten, die Campino seit Langem gegessen hat, die blauen Crocs von Vincent Sorg, dem im Vergleich zu den Hosen sehr jugendlich wirkenden Produzenten der Band, die Birkenstocksandalen von Campino.

© SWR/Donata Wenders
Mit den Toten Hosen auf Arbeit, so sieht es in diesem Film aus. Gesang und Musik werden geprobt, Songs verworfen, Zeilen gekürzt, an Solos gefeilt. Am Ende kommen Freunde und Bekannte zu einer ersten, auch entscheidenden Listening-Session, nach der die Band weitere Songs aussortiert und andere erneut bearbeitet.
Und dann ist da noch Campino. Ihm müssen sich alle fügen, das kommt hier ganz gut zum Vorschein: als Chef, als Verantwortlicher für die Lyrics, als Fan des FC Liverpool, dessen Spiele er auch bei den Aufnahmen schaut. „Ich muss das wegstecken können. Ich bin kein Fußballfan, das würde ich mir bei der wertvollen Studiozeit nicht erlauben, aber Campi ist das wichtig“, sagt Kuddel.
Und Kuddel sagt auch, da missglückt ihm eine verständnisvolle Erklärung für die Chefmomente von Campino: „Er meint das so, gerade wenn es laut und verletzend wird. Er verpackt das nur nicht richtig.“ Nicht zu vergessen die Eröffnung Campinos, noch einmal Vater geworden zu sein: „Ich hatte mir meinen Weg zur Rente schon anders vorgestellt, aber das fällt jetzt halt aus.“
Minichmayr rettete „An Tagen wie diesen“
Zwischen den Szenen aus dem Studio lässt Friedler zusammen mit den Bandmitgliedern die Karriere der Toten Hosen noch einmal Revue passieren. Vom Erfolgsalbum „Das kleine bisschen Horrorshow“ geht es noch einmal zurück zu den Anfängen: Ratinger Hof, der Song „Opel-Gang“, die ersten beiden Alben, der im Grunde zu einem Volkslied gewordene Monsterhit „An Tagen wie diesen“, den die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr vor dem Papierkorb gerettet hat.
Dann der Erfolg in Argentinien und Chile, das Konzert 1997 in Düsseldorf, auf dem eine 16-Jährige im Gedränge vor der Bühne ums Leben kam, die Drogenexzesse, die sich im Verlauf der Karriere erledigten; dazu Aufnahmen von einer Clubtour durch Europa, aus Paris und Amsterdam.
Die letzten zwanzig Minuten drehen sich schließlich nur noch um die Aufnahmesessions und die Albumfertigung. Dazu kommen Gedanken der Hosen-Musiker darüber, dass sie nie wieder ein Studioalbum produzieren werden und was die Zukunft bringen wird. Am glaubwürdigsten, fast elegischsten äußert sich Kuddel. Er bekennt, Angst vor der großen Leere zu haben.
Aber es ist auch nur ein „letztes reguläres Studioalbum“, das nächsten Freitag erscheint. Danach geht es für die Hosen sofort auf Tour. Sie beginnt am 7. Juni in Esch in Luxemburg und endet über ein Jahr später am 10. Juli 2027 im Düsseldorfer Rheinstadion. Die Rolling Stones, wer weiß das nicht, haben zwischen „A Bigger Bang“ und „Hackney Diamonds“ fast zwanzig Jahre lang kein Album veröffentlicht, waren aber stetig auf Tour, sind jetzt alle um die Achtzig – und veröffentlichen demnächst ein weiteres Album.
„Vielleicht brennt in mir am meisten die Frage, wie man etwas mit Würde zu Ende bringt“, sagt Campino gleich zu Beginn des Films. Und vielleicht gelingt das den Hosen ja wirklich. Es wäre eine der größten Leistungen ihrer langen Karriere.