Berliner Stadtmuseum über migrantisches Wohnen: Der Hirsch überm Sofa ist so deutsch wie türkisch

Einfache Holzstühle, das musste als Nachtlager erst einmal reichen. „Als wir ankamen, schoben wir zwei Stühle zusammen. Darauf schlief ich jahrelang.“ Das Zitat stammt von Filippo Bologna, einem 14-jährigen Jungen, der in den 60er Jahren als Arbeitsmigrant aus Sizilien nach Solingen kam.

Nachzulesen ist es in der neuen Sonderausstellung „Tapetenwechsel – Migration und Mobiliar ab 1960“, die das Berliner Stadtmuseum im Ephraim-Palais zeigt. Als Teil eines Schwerpunkts zur Geschichte der Migration, zu dem auch die im September folgende Schau „Geteiltes Leben“ gehört.

Das Thema Wohnen wurde bei den damals „Gastarbeiter“ genannten Arbeitsmigranten vor allem als Problem gesehen, erläutert Kuratorin Burcu Dogramaci bei der Besichtigung. In den 50er Jahren, als die Arbeitsmigration beginnt, waren die deutschen Städte noch von Kriegszerstörungen geprägt. Die öffentliche Wahrnehmung drehte sich um die Armut und die Probleme von Vierteln, in die die Migranten zogen. Neben den sozialen Aspekten des Wohnens blieben Fragen des Geschmacks und der Ästhetik bis heute unterbelichtet, glaubt Dogramaci.

Die in München lehrende Professorin für Kunstgeschichte hat die Schau zusammen mit Manuel Gogos kuratiert. „Die Migranten wurden als Arbeitskräfte betrachtet“, ergänzt Gogos. Also als Leute, die nur temporär bleiben und zuerst in staatlicherseits oder von großen Firmen organisierten Wohnformen unterkommen. In Baracken, ehemaligen Zwangsarbeiterlagern und in Heimen.

Das gilt für „Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter aus sozialistischen Bruderstaaten“, die in den 80er Jahren in der DDR leben, genauso wie für die Arbeitsmigranten in der Bundesrepublik. Wobei die DDR-Vertragsarbeiter bewusst von der Bevölkerung ferngehalten wurden.

Gastarbeiter, Essen, 1971© Deutsches Historisches Museum | Foto: Francoise Saur
Partytime daheim. Soula Palatianou und ihr Mann in ihrer ersten eigenen Wohnung in Essen Kettwig, 1970er Jahre.

© © Agentur für Geistige Gastarbeit, Bonn

Dass die eingewanderten Menschen, die in Deutschland sesshaft wurden, trotzdem mehr als einen Koffer in der alten Heimat hatten, macht das Kapitel „Hier und dort – geteilte Leben“ deutlich. Den Traum von der Rückkehr geben die Arbeitsmigranten nur selten auf, auch wenn sie immer wieder aufgeschoben wird. „Einwanderer wider Willen in einem Einwanderungsland wider Willen“ nennt ein Ausstellungszitat von Mathilde Jamin diesen Zustand.

Den Wunsch, eher das mit dem in Deutschland verdienten Geld Zuhause in der alten Heimat gut auszustatten als die Bleibe in Solingen, beschreibt Maria Ricchiuti, die in den 60ern aus Sizilien kam. „Die guten Sachen waren immer für unser Haus in Sizilien, die billigen für unsere Wohnung in Deutschland.“ Aus Scham über die gebrauchten Möbel, trifft sich Ricchiuti mit ihren Freundinnen nie zu Hause. Das schöne Haus in Italien aber steht leer.

Gastarbeiter – Fremdarbeiter, 1970er Jahre© DOMiD-Archiv, Köln | Foto: Vlassis CaniarisGute Vibes für die Hauptbahnhof-Gegend? Vier Museen gründen neue Museumsmeile