Queer durch die Lange Nacht der Museen: Eine Nacht, tausend Möglichkeiten– das sind die queeren Highlights
Unter dem diesjährigen Motto „Crime in Berlin“ beleuchtet die Lange Nacht der Museen die Schattenseiten der Hauptstadt. Neben allerlei Verbrechen, Mord und Totschlag geht es dabei um eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage, wer oder was gesellschaftlich als „kriminell“ gebrandmarkt wird.
Unsere queere Route führt durch die Geschichte von Kriminalisierung, Widerstand und Selbstermächtigung – und zu Ausstellungen, Performances, Vorträgen und Führungen, die nachts gleich doppelt spannend sind.
1 Ausdrucksstark in schwarz-weiß

© Walter Schels / Stiftung F.C. Gundlach
Kaum jemand vermochte es, Menschen mit einer solchen Eindringlichkeit zu porträtieren wie der Fotograf Walter Schels. Anlässlich seines 90. Geburtstags widmet ihm das C/O Berlin eine große Retrospektive, die Werke aus fast sieben Jahrzehnten präsentiert.
Das Besondere: Der Fokus liegt dabei auf experimentellen und transformatorischen Arbeiten Schels’ , die bisher weniger Beachtung fanden. Darunter Bilder aus der Serie Trans* (2013-2025), für die Schels eine Gruppe von etwa 30 Jugendlichen in regelmäßigen Abständen fotografierte, um so ihre Transition, diesen, wie Schels schreibt, „schwierigen Prozess des Einswerdens mit sich selbst“, einzufangen. Das Ergebnis sind Bilder voller Zartheit und Ausdrucksstärke. (aba)
2 Queer auf dem Land

© Courtesy of Pancho Assoluto
Wenn von queerem Leben die Rede ist, steht meist die Stadt im Zentrum. Ein freies Leben, die Suche nach Gemeinschaft, scheint immer auch an urbane Kontexte gebunden zu sein, so zumindest die dominante Erzählung, die der Queer-Theoretiker Jack Halberstam Anfang der 2000er Jahre als Metronormativität bezeichnete.
Die Erfahrungen auf dem Land sind nicht mehr als eine Randnotiz städtischer Aufstiegsbiografien queeren Lebens, die oftmals eine Klassenkomponente enthält und daher mit Scham behaftet ist.
Auch im Schwulen Museum war es lange so, dass das queere Leben fast immer in der Umlaufbahn städtischer Kultur dargestellt wurde, was Kurator*in Collin Klugbauer dazu bewog, für die Ausstellung „Cruising the Countryside“ einen Blick ins Archiv zu werfen, um all das infrage zu stellen.
Und damit den Ausstellungsort selbst: Berlin, das sich seiner Insularität konstant selbst vergewissert und gleichzeitig zunehmend exklusiv wird, durch Mieten, Verlust von Räumen, Vereinzelung. Wo queere Menschen ihre eigenen Geschichten erzählen, ist die Ausstellung am stärksten. Gerade weil sie nicht in der Gewalterzählung verharrt, sondern die Provinz immer auch als Raum der Selbstermächtigung erscheint. (tsp)
Eine vollständige Rezension der Ausstellung können Sie hier lesen.
3 Kriminalisierte Körper

© Aron Neubert
Körper, die nicht in die zweigeschlechtliche Normvorstellung passen, wurden und werden pathologisiert– oder gar kriminalisiert. Ein Vortrag am Medizinhistorischen Museum der Charité, ihrerseits eine Akteurin der Kontrolle von queeren Körpern, thematisiert die Geschichte der Trans*-Medizin.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist der Zugang zu Hormonbehandlungen und chirurgischen Eingriffen für eine medizinische Transition streng reguliert. Die körperliche Autonomie von trans* Personen war eingeschränkt von staatlicher Kontrolle einerseits, und der pathologisierenden Macht der Medizin andererseits.
Doch zur Geschichte der Trans*-Medizin gehören auch der Aktivismus und mediale Strategien der Community, die durch aufklärende Filme, Artikel und Bilder die Destigmatisierung der körperlichen Transition selbst in die Hand nahmen.
Auch sehenswert: die aktuelle Ausstellung „Horizontal: Das Krankenbett und die Welt im Liegen“, die Kranksein und die damit assoziierte liegende Haltung untersucht, unter anderem aus Perspektiven der Schwulenbewegung (Foto). (aba)
4 Vom Salon in die Strafzelle

© IMAGO/H. Tschanz-Hofmann
Das Bröhan Museum widmet sich in der Ausstellung „Edward W. Godwin und Oscar Wilde. Dandys Dekadenz Moderne“ zwei schillernden Gestalten des 19. Jahrhunderts. Als Protagonisten des „Aesthetic Movement“ verbanden sie einen Kult um Schönheit und Ästhetik mit Kunst und ihrem extravaganten Lebensstil. So prägten sie eine Bewegung, die weit über das Jahrhundert hinaus wirken sollte.
Im Fall von Wilde endete sein Weg aus seinem glanzvollen Londoner Salon in der Strafzelle. 1895 wurde er wegen seiner homosexuellen Beziehung zu zwei Jahren Zuchthaus mit Zwangsarbeit verurteilt– ein Urteil, das ihn körperlich und gesellschaftlich ruinierte. Eine Führung im Rahmen der Langen Nacht der Museen rekonstruiert den spektakulären Prozess und den gesellschaftlichen Skandal um den „Fall Wilde“. (aba)
5 Einen Blick in die Zukunft werfen

© Ekko von Schwichow
In vielen lesbisch-feministischen WGs hingen ikonische Aufnahmen von Susan Sontag an Wänden, auf denen sie wie ein Filmstar wirkte. Sontag war ein flamboyantes, freigeistiges, manchmal schwieriges und widersprüchliches Vorbild.
Die Schriftstellerin, Kritikerin und Regisseurin Susan Sontag kam früh in Kontakt mit der queeren Szene, liebte und lebte mit Frauen, outete sich jedoch nie. Als sie Ende der 1980er Jahre Zeugin der gesellschaftlichen Ausgrenzung von Aids-kranken Menschen – auch in ihrem Freundeskreis – wurde, schrieb sie mit „AIDS and its Metaphors“ (1989) einen wichtigen Text zu Fragen von Stigmatisierung, Eigenverantwortung, Aktivismus und Solidarität.
Was bedeutet uns Susan Sontag heute? Welche Relevanz hat sie in der queeren Kulturgeschichte? Das Schwule Museum übernimmt die Ausstellung „Susan Sontag: Sehen und gesehen werden“ aus der Bundeskunsthalle Bonn und erweitert sie, u.a. um eine Spurensuche von Susan Sontag in Berlin. (ipa)
Eine ausführliche Ausstellungsbesprechung finden Sie hier.
8 Que(e)r durch die Filmgeschichte
Zum Tod der Künstlerin Yayoi Kusama Die Liebe steckt in jedem ihrer Punkte Benefizkonzert mit Baran Kok, Ikkimel und Herbert Grönemeyer „Fresse auf für queere Freiheit“ und alle hassen Merz
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Im Fokus stehen Filme und Filmschaffende, die das queere Kino in Deutschland geprägt haben. Herzstück ist eine Installation übereinander gehängter Bild- und Texttafeln, die den Platz in der schmalen, hohen Halle gut ausnutzt.
Ein begleitendes Filmprogramm führt in der Langen Nacht der Museen durch Meilensteine queerer (Film-)Geschichte. Gezeigt werden vier Dokumentarfilme aus vier Jahrzehnten (u.a. „Before Stonewall“ von Greta Schiller) sowie der Spielfilmklassiker „Mädchen in Uniform“ von Leontine Sagan. (meh)