Nachwuchs für die Opernbühne: Gefühlschaos in Rheinsberg

Die Handlung dieser „Commedia per musica“ ist gar nicht so leicht zusammenzufassen. Da ist zum einen die Baronessa Eugenia, die zwei Verehrer hat: einen geldgierigen Verwandten und einen alten Knacker, erzählt die isländische Sopranistin Marta Fridriksdottir. Die junge Adlige selbst ist aber in Don Calloandro verliebt – der sie jedoch nicht heiraten will, obwohl Eugenia schon den Ehevertrag beim Notar bestellt hat.

Und dann taucht unerwartet noch die schöne Müllerin Rachelina auf, die allen Männern den Kopf verdreht und das Emotionskarussell mächtig in Schwung bringt. „Das ist fast so wie in Berlin, wo auch immer jeder einen anderen will als den, den er haben könnte“, kommentiert der israelische Tenor Ido Beit-Halachmi. Giovanni Paisiellos Oper „La Molinara“, uraufgeführt 1788 in Neapel, hat also durchaus etwas mit den Gefühlsnöten junger Großstädter von heute zu tun.

Eine Wiederentdeckung

Für das sommerliche Festival zur Förderung junger Sänger auf Schloss Rheinsberg hat Georg Quander, langjähriger Intendant der Berliner Staatsoper und seit 2018 Künstlerischer Direktor der Musikkultur Rheinsberg, die heitere italienische Gesellschaftssatire aus dem Archiv geholt, um sie – erstmals seit 150 Jahren in Deutschland – ab Freitag wieder dem Publikum nahezubringen. Dabei war „La Molinara“ einst ein Erfolgsstück in ganz Europa. Komponisten wie Beethoven und Paganini schrieben Variationen über den größten Hit der Oper „Nel cor più non mi sento“, und sogar Franz Schuberts Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ ist von Paisiellos Opus inspiriert.

Marta Fridriksdottir und Ido Beit-Halachmi bei den Proben zur Oper „La Molinara“, im Kostüm, aber mit privaten Sneakers.
Marta Fridriksdottir und Ido Beit-Halachmi bei den Proben zur Oper „La Molinara“, im Kostüm, aber mit privaten Sneakers.
© Uwe Haut

Und das kam so: Nach einer „Molinara“-Aufführung 1815 in Berlin fanden sich in einem Salon ein paar junge Leute zusammen, die beschlossen, die Aufführung als literarisches Gesellschaftsspiel weiterzuspinnen. Jeder sollte spontan Gedichte über einen verliebten Müllerburschen beisteuern. Unter ihnen war der damals 21-jährige Student Wilhelm Müller aus Dessau, der die Texte seiner Mitspieler später durch eigene Verse ersetzte und sie 1821 veröffentlichte.

Der Band geriet durch einen glücklichen Zufall in Wien in die Hände von Franz Schubert, der bei einem Krankenhausaufenthalt daraus seinen Liedzyklus schuf. In Begleitveranstaltungen zur Opernpremiere wird in diesem Sommer in Rheinsberg auch diese nachhaltige Wirkung von Paisiellos Oper beleuchtet.

Wir werden hier als vollwertige Künstlerinnen und Künstler behandelt – was leider nicht bei allen Musiktheater-Sommerprojekten üblich ist.

Marta Fridriksdottir, Sopranistin

Marta Fridriksdottir und Ido Beit-Halachmi spielen in der „Molinara“-Inszenierung die liebeskranke Baronessa und den kaltherzigen Don Calloandro. Seit dem 12. Juni schon sind sie für die Proben in der brandenburgischen Idylle, bis zum 5. August laufen die Aufführungen in Rheinsberg. Eine lange Zeit auf dem Lande, wenn man Metropolenquirligkeit gewohnt ist: Marta studiert in Wien, Ido hat im vergangenen Herbst seinen Abschluss an der Berliner Eisler-Hochschule gemacht.

Sich ausprobieren, dazulernen

Beide aber genießen die Wochen bei der Kammeroper Schloss Rheinsberg: „Hier fühlt man sich wertgeschätzt“, sagt die Sopranistin. „Wir werden als vollwertige Künstlerinnen und Künstler behandelt, was leider nicht bei allen Musiktheater-Sommerprojekten üblich ist.“ Und auch der Tenor betont, wie wichtig für ihn die Erfahrungen in der Provinz sind, „wo ich mich ausprobieren, experimentieren kann, auch mal Fehler machen, aus denen ich dann lerne“.

Wie aber entwickelt man als Isländerin den Wunsch, Operndiva zu werden? „Ich habe im Mädchenchor gesungen, ab dem Alter von 14 Jahren dann auch privat Gesangsunterricht genommen“, erzählt Marta Fridriksdottir, „doch erst als ich schon mit dem Ingenieursstudium in Reykjavik begonnen hatte, wurde mir klar, dass ich mein Leben mit dem Musiktheater verbringen wollte.“

Im Fall von Ido Beit-Halachmi wurde der große Bruder zum Vorbild: Die Bach-Kantaten, die der mit seinem Chor sang, waren der Auslöser für die Liebe zur Musik, später imitierte Ido die Sängerinnen auf den CDs seines Bruders. Er wählte, zum Kummer seiner Mutter, im Gymnasium die Musikklasse, wurde in der Hochschule zunächst als Bariton eingestuft, musste wegen des Militärdienstes dann zwei Jahre künstlerisch pausieren. Mit 24 Jahren ging er nach Berlin, lernte eine neue Sprache in einer neuen Stadt, wechselte außerdem ins Tenorfach. Der Weg zur Profikarriere ist hart, aber er ist fest entschlossen, sich durchzukämpfen. Denn er weiß: Nur wer keinen Plan B hat, kann es in diesem Beruf schaffen.