Großer Auftritt, kein Champions-League-Finale: Bayerns Fußballerinnen können trotzdem mit den Besten der Welt mithalten

Nahezu jedes andere Team wäre bei einem Stand von 1:4 nach 58 Minuten im Camp Nou wahrscheinlich eingebrochen. Es hätte sich seinem Schicksal ergeben und nur noch versucht, kein weiteres Gegentor zu kassieren. Derartige Schadensbegrenzung betrieben die Fußballerinnen des FC Bayern auch, allerdings nicht durchs Hintenreinstellen, sondern mit dem Mut der Verzweiflung – und zwar im eigenen Ballbesitz.

Gegen das Maß aller Dinge im Frauenfußball, den FC Barcelona, mitsamt der 60.021 Fans im Rücken, rissen die Münchnerinnen das Spiel in den finalen 25 Minuten an sich. Sie dominierten nach Belieben, erzielten zwei weitere Tore durch Pernille Harder, wovon eins nach strittiger VAR-Entscheidung zurückgenommen wurde, und trafen noch zweimal die Latte. Kurzum: Die deutschen Meisterinnen zeigten auf einer der größten Fußballbühnen der Welt, wozu sie imstande sind und wie sehr sie sich ihren Platz unter den Top vier Europas verdient haben.

Letztlich verpasste Bayern am Sonntagnachmittag in Barcelona nach der 2:4-Niederlage den Finaleinzug in die Champions League, doch eine wichtige Erkenntnis bleibt: Die Jahre, in denen ein deutscher Klub auf allerhöchstem Niveau nicht mehr mithalten konnte, scheinen vorerst vorbei.

Die Wege vor das gegnerische Tor waren dann aber weit, das hat uns heute manchmal gekillt.

Giulia Gwinn, Spielerin des FC Bayern

Zumindest, wenn man auf die eigene Stärke vertraut. „Unser Plan war, die Höhe im Anlaufen immer wieder zu verändern. Das war gegen Ende eigentlich erfolgreich“, sagte Linda Dallmann, die in der ersten Hälfte das zwischenzeitliche 1:1 erzielt hatte. „Vielleicht hätten wir ein bisschen eher so spielen sollen, ich weiß es nicht. Wenn das 3:4 gezählt hätte, dann wäre es nochmal eine hitzige Endphase geworden.“ Der vermeintliche Treffer von Harder war nach einem Foulspiel von Dallmann in der Entstehung des Angriffs zurückgenommen worden.

Wieder steht Bayern defensiv, kontert diesmal aber nicht gefährlich

Das Team von Trainer José Barcala, der nach einer Roten Karte aus dem Hinspiel auf der Tribüne im Camp Nou Platz nehmen musste, wählte wie schon beim 1:1 in der Allianz Arena einen sehr defensiven Ansatz. Was in München dank der Entlastung durch Konter als richtiger Plan wirkte, funktionierte diesmal nicht mehr so gut. „Wir haben im Hinspiel gemerkt, dass wir ihnen wehtun können, wenn wir schnell umschalten“, sagte Bayerns Giulia Gwinn. „Die Wege vor das gegnerische Tor waren dann aber weit, das hat uns heute manchmal gekillt.“

Zudem bekam Barca in der ersten Halbzeit von Bayerns Defensive immer wieder zu viel Raum auf den Außenpositionen, die ein solch individuell herausragend besetztes Team für sich zu nutzen weiß. Zwei der vier Gegentore kassierte Bayern nach Flanken. Erst stand Stine Ballisager auf der linken Seite zu weit weg, dann ließ sich Linda Dallmann auf der anderen zu leicht ausdribbeln. Letztlich verzeichneten die Spanierinnen 23 Schüsse, zehn davon aufs Tor. Die Gäste kamen derweil gerade mal auf vier Torschüsse neben den beiden Lattentreffern.

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Aufgrund der großen spielerischen Stärken sind die Münchnerinnen der Bundesliga längst enteilt. Das ist schlecht für den deutschen Wettbewerb, zahlt sich im internationalen Vergleich aber aus und macht Hoffnung für die kommenden Jahre. Die deutsche Liga ist leistungstechnisch noch nicht auf einem Niveau mit der englischen oder spanischen. Für Bayern bedeutet das im Umkehrschluss, sich nicht allein am nationalen Erfolg zu messen.

José Barcala und sein Team müssen nun die richtigen Lehren aus dem Champions-League-Aus ziehen und den verdienten Sieg Barcelonas anerkennen, ohne die eigene Weiterentwicklung zu vernachlässigen. „Es geht darum, mitzunehmen, was wir hier geleistet haben. Denn es war eine Leistung, auf die wir stolz sein können“, fasste es Gwinn passend zusammen.