Der „Herr Lehrer“ aus dem Hansaviertel: Lovis Corinth und seine progressive Malschule in Berlin
Von der Kunst leben, das war selbst für Lovis Corinth nicht einfach. Als sein Freund Walter Leistikow ihn Anfang 1901 vom konservativen München nach Berlin lockte, in die Stadt der Moderne, reüssierte der Maler zwar schnell bei der Berliner Secession. Seine Bilder verkauften sich nicht schlecht, aber es reichte nicht. Also gab er im Mai ein Inserat im Secessions-Katalog auf: „Malschule für Akt und Portrait. Vom 15. Oktober an: Berlin NW.; Klopstockstraße 52, III. Auskunft wird erteilt: im Bureau der Secession“.
In der Klopstockstraße im Hansaviertel hatte Leistikow dem Kollegen eine geräumige Atelierwohnung überlassen, genug Platz, um zu unterrichten. Mit anfangs schwankendem Erfolg, obwohl der Bedarf enorm war. Vor allem bei Frauen, denen der Zugang zu den staatlichen Akademien in Deutschland bis 1919 verwehrt blieb.
Damen beim Aktstudium, nackte Männer malend – wie unsittlich! (Eine Karikatur im „Simplicissimus“ zeigte zum Thema „Malweiber“ eine Frau, die einem Maler über die Schulter schaut, dazu die Bildzeile: „Sehen Sie, Fräulein, es giebt zwei Arten von Malerinnen: die einen möchten heiraten und die anderen haben auch kein Talent“.)
Kein Wunder, dass die privaten Malschulen boomten und Corinth bald auch in den Privatateliers der Schülerinnen lehrte, ebenso in den renommierten Studien-Ateliers des Bildhauers Arthur Lewin-Funcke in der Kantstraße. Wegen des Akademieverbots richtete Käthe Kollwitz, die im 1867 gegründeten (und bis heute existierenden) „Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen zu Berlin“ lehrte, mit anderen eine Petition an Akademiedirektor Anton von Werner. Der Historienmaler empfand ein solches Ansinnen jedoch als „Zumutung“, gar als „persönliche Beleidigung“.

© Anja Elisabeth Witte
Lovis Corinth war entschieden anderer Meinung. Er praktizierte das gemeinsame Aktstudium für Männer und Frauen (nachweislich bei Lewin-Funcke), plädierte für Gleichberechtigung und Koedukation.
Zu seinen ersten Schülerinnen in der Klopstockstraße zählten neben Lisa Winchenbach aus Wuppertal, Elisabeth Wolf aus Cottbus und der jüdischen Justizratsgattin Helene Wolff die ebenfalls jüdische Fabrikantentochter Charlotte Berend. Schnell verliebte sich Corinth in die ehrgeizige, unerschrockene 22‑Jährige. Er selbst war 44.
Gefährtin und Ratgeberin
„Der Herr Lehrer“, so nannte sie ihn. Sie wurde seine Gefährtin, Ratgeberin und Managerin. Die beiden heirateten 1904 und bekamen zwei Kinder, für rund 80 Gemälde stand sie ihm Modell. Das allererste, „Porträt Charlotte Berend im weißen Kleid“, zeigt sie in fließend-laszivem Gewand mit schwarzer Schärpe. Erotisch und selbstbewusst.
Auch wenn Corinth ihr sein Atelier überließ, hatten seine Bedürfnisse immer Vorrang, während Berend die Dreifachbelastung von Haushalt, Unterstützung für den Künstlergatten und eigener kreativer Arbeit stemmen musste.

© Roman März
Janina Nentwig, Ko-Kuratorin der Ausstellung „Lovis Corinth. Dann kam Berlin!“ in der Berlinischen Galerie, gibt zu bedenken, dass die beiden angesichts der damaligen Normen dennoch „eine bemerkenswert gleichberechtigte Beziehung“ führten.
Minna Tube zum Beispiel, ebenfalls Corinth-Schülerin und die erste Frau von Max Beckmann, gab ihre Malerei mit der Hochzeit auf. Berend hingegen engagierte sich im Vorstand der Secession und war in den Jahresausstellungen mit Werken präsent, auch mit ihrem kühnsten, von Corinth ausdrücklich befürworteten Bild, „Die schwere Stunde“ von 1908. Eine Frau in den Wehen, ein vor Anstrengung sich krümmender Körper, schmerzverzerrtes Gesicht – laut Nentwig die erste realitätsnahe Darstellung einer Geburt in der Kunstgeschichte.
Frage an die Kunsthistorikerin: Wie war Corinth als Pädagoge? Alle beschrieben ihn als „sehr engagierten und fairen Lehrer, streng in der Korrektur, dennoch immer konstruktiv“, so Nentwig. Ruppig, aber respektvoll: Nie korrigierte Corinth in eine Schülerinnen-Arbeit hinein, lieber skizzierte er Alternativvorschläge seitlich auf dem Blatt.
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