Als Lovis Corinth von München nach Berlin zog: Welche Stadt war fortschrittlicher?
Im „Simplicissimus“, der großen und großartigen Satirezeitschrift des Kaiserreichs, erschien 1901 eine Karikatur von Thomas Theodor Heine, eine Szene aus einem Münchner Biergarten. Ein älteres Ehepaar mit Dackel hört den Tiraden eines Berliners zu. „Mit der Münchner Kunst ist nischt mehr, Berlin is jetzt die deutsche Kunstmetropole“, tönt der. Nicht mehr als ein „So, so“, entlockt es dem Münchner. Doch der Berliner setzt eins drauf: „Und besseres Bier wird in Berlin auch schon jebraut.“ Das geht zu weit. Das Ehepaar drischt schimpfend auf ihn ein, der Hund beißt ihm in die Wade.
Wunderbar hat Heine die Charaktere der beiden Städte und ihrer Bewohner in seine auf einen Blick verständliche Bildfolge gepackt. München hat seinen Rang als Kunstmetropole eingebüßt, aber das ist schon abgehakt und schmerzt nicht weiter. Berlin hingegen ist großkotzig und beansprucht den ersten Rang, in allem. Das trifft den Lokalstolz Münchens. Am Bier, nicht an der Kunst, hängt das Selbstwertgefühl.
In seiner Linken hält der Berliner die Zeitung „Tag“. Dort nämlich hatte der Berliner Kunstkritiker Hans Rosenhagen zwei Artikel über „Münchens Niedergang als Kunststadt“ veröffentlicht, die eine heftige Debatte auslösten. Rosenhagen kritisierte die Kulturpolitik Münchens und die mangelnde Unterstützung für die Secession, was zur Übersiedlung von Künstlern wie Lovis Corinth und Max Slevogt nach Berlin geführt habe.
Tatsächlich waren Corinth (oben ein Selbstporträt von ihm von 1900) und Slevogt im Herbst 1901 nach Berlin gezogen, nachdem sie in der Münchner Secession auf Ablehnung gestoßen waren. Die zweite Fassung von Corinths Gemälde „Salome“ wurde nicht zur Ausstellung zugelassen und Slevogts „Danae“ nachträglich entfernt. In Berlin sind sie mit offenen Armen empfangen worden. „Salome II“ war schon 1900 bei der zweiten Ausstellung der Berliner Secession gefeiert worden.

© Sammlung Stiftung Stadtmuseum Berlin/Oliver Ziebe
Dass die Stadt, in die man ging, um nach dem Wort Fontanes „Carrière“ zu machen, ein besseres Pflaster für Neues bot als München, liegt auf der Hand. Hier war „neues“ Geld, Wagemut, Nährboden für Experimente, gesellschaftlicher Aufstieg.
Doch die Gegenüberstellung eines konservativ verharrenden München mit einem modern losstürmenden Berlin hält der näheren Betrachtung nicht stand. Denn während in München in der verklärten Prinzregentenzeit die liberalitas Bavariae, verstanden als ur-bayerische Toleranz, den Maßstab bildete, war Berlin die Stadt des in Kunstfragen sich zum obersten Richter aufschwingenden Kaisers.
Und während in München eine konservative, aber generöse Künstlerschaft jedem seinen Platz ließ, solange die eigenen, merkantilen Interessen nicht tangiert wurden, gaben die Berliner unter der kompromisslosen Führung des kaisertreuen Akademiedirektors Anton von Werner keinen Millimeter preis. Das gilt zumal für die Bildhauer, die mit Aufträgen wie der unsäglichen Siegesallee im Tiergarten überschüttet wurden, dabei jedoch geübt waren, um keine Haaresbreite von der verlangten neobarocken Formensprache abzuweichen.

© Foto: Berlinische Galerie/Roman März
Gerade am Lebensweg von Lovis Corinth lässt sich zeigen, dass die Verdammung Münchens und der Lobpreis Berlins aus der besonderen Situation der Durchsetzung der Moderne heraus zu verstehen sind. Corinth war in den 1880er Jahren als junger Mann nach München gekommen, um an der in ganz Europa gerühmten Akademie zu studieren.
Wanderjahre folgten, unter anderem nach Paris, ehe er sich 1891 in München niederließ. Die dortige Kunstszene wurde von „Malerfürsten“ beherrscht: Kaulbach, Lenbach und auch schon Franz Stuck, die ihren Erfolg in aufwendigen Häusern zelebrierten und regelrecht Hof hielten. 1892 kam es zur Gründung der Münchner Secession, im Grunde nur ein Interessenverband für Ausstellungsmöglichkeiten, denn nur darüber stellten sich Öffentlichkeit und Verkäufe her.
1899 besuchte Corinth Liebermann in Berlin, und als, wie erwähnt, seine „Salome II“ sogar von der Secession abgelehnt wurde, entschloss er sich zum Umzug nach Berlin. Sein Freund Slevogt ging mit. Die Münchner Secession verkraftete den Fortgang der beiden Protagonisten problemlos.

© Edvard Munch/ Berlinische Galerie/Halvor Bjørngård
Mochte Wilhelm auch gegen die als „Rinnsteinkunst“ verdammte Moderne wettern – das liberale Großbürgertum kaufte und sammelte sie. Beide Secessionen, München wie Berlin, erwarben sich bleibende Verdienste in der Vermittlung der internationalen, zuvörderst französischen Moderne. Und wenn die – immerhin unter königlicher Prerogative stehende – Nationalgalerie unter Hugo von Tschudi französische Impressionisten erwarb, baute sie auf dieser erzieherischen Vorarbeit auf.
Nachdem er im Konflikt mit dem Kaiser 1908 sein Amt aufgeben musste, ging Tschudi nach München und konnte dort an Kunstwerken erwerben, was ihm in Berlin versagt worden war. Das unterstreicht, wie aufgeschlossen die dortige Kunstpolitik war. In München entstand mit dem „Jugendstil“ der erste neue und von historischen Anklängen freie Stil des 20. Jahrhunderts, benannt nach einer der in München verlegten Kunstzeitschriften, eben der „Jugend“. Die war 1896 gegründet worden, im selben Jahr wie der ebenfalls Münchnerische „Simplicissimus“.
Berlin hatte erst ein Jahrzehnt später maßgeblichen Anteil an einer neuen Kunstrichtung, dem Expressionismus. Die Ironie der Geschichte will es, dass die Secessionisten sich die jungen Expressionisten ebenso fernzuhalten versuchten, wie sie selbst Jahre zuvor von den offiziellen Vertriebswesen ausgeschlossen wurden. 1910 entstand so die „Neue Secession“.
Corinth und Slevogt gehörten nicht dazu. Ein Schlaganfall, der Corinth 1911 halbseitig lähmte, beförderte eine neue, letzte Phase seines Werks mit. Er entwickelte im Laufe der Zeit einen ganz eigenen Expressionismus, der wohl bereits in seinen naturalistischen Werken, etwa den Schlachthausszenen, angelegt war.
In der Gesellschaft füllte er die Rolle als Genussmensch und Salonlöwe aus, die den oberen Schichten der immer wohlhabender werdenden Reichshauptstadt zupasskam. Für ihn war die Zeit erfüllt von Ausstellungen, die dem nun schon über 50-Jährigen den ersehnten Erfolg in reicher Fülle brachten.
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Ob nun München oder Berlin in diesen Jahrzehnten konservativer oder aber moderner waren, muss dahingestellt bleiben. In München herrschte die Kunst, doch sie wurde geradezu erstickt von einer florierenden, jedoch unschöpferischen Kunstindustrie. Davon war Berlin frei. Dafür wehte hier der schärfere Wind beständiger politischer Einflussnahme.
So wurden in beiden Städten auf unterschiedliche Weise die gesellschaftlichen Konflikte ausgetragen, die mit der rasanten Industrialisierung und Verstädterung Deutschlands einhergingen. Daran hatte die Kunst ihren spezifischen Anteil, nicht als Spiegelbild, sondern als eigenständiger Kampfplatz eben solcher Konflikte und Reibungen. Aus ihnen gingen in beiden Städten staunenswerte produktive Leistungen hervor. Sie bewundern wir bis heute.