Andreas Dresens „Alte Liebe“ im Kino: „Seit du zu Hause bist, meckerst du nur noch“

Harry gärtnert. Das macht er ständig, seit er im Ruhestand ist. Ringen mit dem Rittersporn. Kommt er durch die Terrassentür ins Haus, führt der erste Weg zum Kühlschrank, ein Bierchen zischen. Garten, Bier und abends Glotze, so sieht sein Rentnerprogramm aus.

Lore nervt das. Das hört man schon am spitzen Ton, in dem sie Gärtner Harry mahnt: „Zieh die Schuhe aus.“ Sie schwenkt die Post, die gerade kam. Eine Hochzeitseinladung von Tochter Julia. „Warum muss sie ständig heiraten? Wie spießig ist das denn?“, grantelt Harry, der früher mal antibürgerlich war. „Na, wir haben doch auch geheiratet“, gibt Lore zu Bedenken. Aber eben nur einmal, nicht dreimal wie die Tochter, deren aktueller Auserwählter zum Ärger von Harry auch noch ein reicher Wessi ist.

Einmal war vielleicht doch einmal zu viel, denkt man sich zu Beginn von „Alte Liebe“. So derb klingen manchmal die Gereiztheiten, die Dagmar Manzel und Joachim Król sich als 40 Jahre verheiratete Lore und Harry genüsslich an den Kopf knallen. So klein scheint der gemeinsame Nenner ihres Zusammenlebens noch zu sein. So übermächtig werden Alltagsrituale wie die morgendliche Kaffeeverkostung – „Hundert Prozent Robusta“. Szenen einer Ehe am östlichen Stadtrand von Berlin.

Obwohl Lore, die als Bibliothekarin arbeitet, doch eigentlich was ganz anderes will. Aufbruch statt Ruhestand, Entdeckungen statt Garten-Phlegma, geistige Auseinandersetzungen statt Sportschau. Sie begeistert sich für junge Literaten und organisiert Dichterlesungen, bei denen die literarischen Berühmtheiten Christoph Hein und Clemens Meyer allerdings eher eine komische Figur abgeben.

Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieler, die 2008 mit ihrem Alterssex-Drama „Wolke 9“ in Cannes gefeiert wurden, nehmen sich in „Alte Liebe“ erneut einer Liebesgeschichte unter Senioren an. Aber diesmal nicht in Form eines Befreiungsschlages zur Sichtbarmachung bis dato tabuisierter alter Körper und an kein Alter gebundener Leidenschaften wie in „Wolke 9“, sondern als gelassenes Kammerspiel, das die Melancholie des Alterns ebenso atmet wie das Aufbegehren dagegen.

Der Romanvorlage haben Dresens und Stieler einen Ost-Hintergrund dazugedichtet, was Harrys Geschimpfe über Julias Luxus-Hochzeit in Leipzig, die er auf keinen Fall besuchen will, mehr Schmackes verleiht. „Alte Liebe“ ist feinsinnig beobachtet, von Kameramann Michael Hammon in den Szenen im Haus und Garten in ein wunderbares Tageslicht getaucht.

Du verblödest langsam, sagt Lore

Dafür, dass Lore und Harry aneinander vorbeileben, reden sie viel miteinander. In witzigen, auch verletzenden Dialogen. „Du verblödest langsam“, attestiert Lore Harry. Er rächt sich, indem er ihre geliebten Dichterlesungen als Veranstaltungen abtut, „die nur von alten Frauen besucht werden, die an den Lippen ihres Messias hängen“. Was sie wirklich denken, erfährt nur Lores demente Mutter, die sowohl Lore als auch Harry bei der Betreuung als stummer Kummerkasten dient. Und als Erinnerung daran, dass sie beide – als junge Alte – noch Gestaltungsspielraum im Leben und in der Liebe haben.

HANDOUT - 22.09.2026, NA, ---: Joachim Król als Harry und Dagmar Manzel als Lore in einer Szene des Films "Alte Liebe" (undatierte Filmszene). Der Film kommt am 8.10.2026 in die deutschen Kinos. (zu dpa Kinostarts) Foto: Frédéric Batier/Panodra Film/dpa +++ dpa-Bildfunk +++