Die Ausstellung „Echoes of Tumult“ beim CTM-Musikfestival: Wenn Lippenstifte den Krieg erklären

Die Botschaft ist eindeutig. In großen Lettern ist in einen Kalkstein der Satz „Kein Klang ist unschuldig“ eingehauen. Im begleitenden Video sieht man den Komponisten und Musiker Dror Feiler, wie er mit mechanischer Gewalt den Stein bearbeitet. Die Geräusche des Gravierens werden zudem aufgefangen und zu einer Klanglandschaft verarbeitet.

Diese dringen bis zur Fotoinstallation „Aura“ von Hoda Afshar im Flur vom Kunstraum Kreuzberg. Die aus Teheran stammende Fotografin hat Bilder von Explosionen und Bränden zu Großformaten aufgeblasen, ebenso von Tränengas-Einsätzen bei Demonstrationen. Die heute in Australien lebende Künstlerin, zur Zeit als DAAD-Stipendiatin zu Gast in Berlin, versteht ihre Installation als Gegenentwurf zu Edward Steichens legendärer „Family of Man“-Ausstellung in den 1950er Jahren. Der damalige Nachkriegsoptimismus, den es trotz Kaltem Krieg immer noch gab, ist nicht nur für Afshar heute einem Gefühl multipler Bedrohung gewichen.

Klangliche Verschmelzung von Kunst und Krieg

Der ukrainische Künstler Nikita Kadan verabrbeitet wiederum die in seiner Heimatstadt Kiew alltäglichen akkustischen Signale, die vor Luftangriffen warnen. In einer kreisförmigen Installation aus hohen weißen Wänden schwellen Sirenentöne auf und ab. Sie sind nicht maschinell erzeugt, sondern kommen aus dem Mund einer Mezzosopranistin und vom Streichen der Saiten einer Konzertvioline. Kadans Verschmelzung von Kunst und Krieg stellt eine Fortsetzung auch des „Walkürenritts“ von Richard Wagner in „Apocalypse Now“ dar. 

Mit dem Titel „Echoes of Tumult“ ist die Ausstellung überschrieben, die das CTM-Festival begleitet. Sie erkundet unter dem Motto Dissonanz und Resonanz die verstörenden, sich aber auch zu harmonischen Mustern verstärkenden Klangfelder der Gegenwart. Zentral sind die zerstörerischen Momente. Das zeigt sich ebenfalls bei Zhanny Khadyrovas Großinstallation „The Forest“ über die Folgen erst der Errichtung und später Zerstörung des Khakova-Stausees in der Ukraine.

Für den raffiniertesten Zugriff sorgt allerdings die aus Rumänien stammende, schon länger in Berlin lebende Klangkünstlerin und Hardware-Bastlerin Ioana Vreme Moser. Sie ist inspiriert vom Dual Use-Produkt der Lippenstifthülsen. Diese können einerseits mit Farbpigmenten versetzte Mischungen aus Wachs und Fett enthalten und für bunten Glanz auf den Lippen sorgen. Andererseits sind sie als Patronenhülsen verwendbar. Vreme Moser inszeniert daher im Kunstraum Kreuzberg ein Geschwader aus Lippenstiften, die zugleich wie eine Angriffswolke aus Dutzenden Gewehrläufen wirken.

Gleichzeitig fühlte sich fühlte Vreme Moser an elektronische Bauelemente erinnert, weil Lippenstifte – als Basis für die Pigmente – oft Metalle wie Blei, Kadmium, Aluminium, Nickel oder Titan enthalten. Deshalb ist ihr Lippenstift-Geschwader mit Antennen und Lautsprechern versehen, sodass die manipulierten Objekte Radiowellen aufnehmen und Radioprogramme ausstrahlen können.

Für Vreme Moser ist nicht nur der Klang keineswegs unschuldig, sondern auch Alltagsutensilien wie Lippenstifte besitzen abgründige Potenziale. Die Künstlerin besticht durch ihren techno-feministischen Ansatz. Neben den Lippenstiftradios hat sie auch schon elektronische Klangerzeuger in High Heels eingebaut und an Netzwerke junger Funk-Amateurinnen in den 1920er und 1930er Jahren erinnert.

Auf gänzlich andere Fährten begeben sich die koreanischen Künstlerinnen Soyun Park und Jeaha Ban unterwegs. Sie stießen auf Müll aus Nordkorea, der durch die Meeresströmung an Südkoreas Küsten gespült worden war. Mit ihrem Projekt „Bibimbap News“ feierten sie zunächst die Meereswellen als Überwindung der politischen Spaltung des Landes. Dann aber entdeckten sie seltsame Informationsbrocken in den QR-Codes auf den nordkoreanischen Verpackungen.