Diskussion über Buchpreis-Jurorin Maha El Hissy: Literarisch verpackter Antizionismus?

Am Dienstag ist es wieder so weit: Die Jury des Deutschen Buchpreises verkündet, welche sechs Bücher sie von der zwanzig Titel umfassenden Longlist für ihre Shortlist nominiert hat und dann für den Deutschen Buchpreis infrage kommen, der am 5. Oktober zu Beginn der Frankfurter Buchmesse verliehen wird. Überschattet wird die in der Regel mit Spannung erwartete Verkündung aber von einer Diskussion, die es seit Mitte August über Maha El Hissy gibt, eine der diesjährigen Jurorinnen des Preises.
El Hissy wurde 1980 in Alexandria, Ägypten, geboren und studierte Literaturwissenschaft in Kairo, Bayreuth und München. Sie forscht, so heißt es auf der Seite des S. Fischer Verlags, wo demnächst von ihr herausgegebene Texte aus Gaza erscheinen werden, „zu postkolonialen Theorien und der Darstellung von Flucht und Exil in der Literatur“. Überdies sitzt sie dieses Jahr nicht nur in der Buchpreis-Jury, sondern in vier weiteren Jurys, darunter der des Braunschweiger Wilhelm-Raabe-Preises.
Der Jurist und Vorsitzende des Landesverbands der jüdischen Gemeinden in Hessen, Daniel Neumann, bezeichnete in einem Text für die „Jüdische Allgemeine Zeitung“ die Berufung El Hissys in die Jury des Deutschen Buchpreises als „politische und moralische Bankrotterklärung“. El Hissy verbreite, so Neumann, „die populärste antisemitische Ritualmordlegende unserer Gegenwart“, die da lautet, dass „die Juden die Nichtjuden vernichten wollen“, und „Israel, kontrafaktisch einen Genozid“ unterstelle. Sie bediene „in einer postkolonialistischen Verpackung das stilistisch raffinierte israelfeindliche Narrativ vom blindwütig, willkürlich tötenden Juden“.
Danach sprangen ihm der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und der Chef der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Benjamin Graumann, zur Seite, auch weil Sebastian Guggolz, Vorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Forderungen nach einer Abberufung von El Hissy kurz und bündig zurückwies: „Sie erfüllt die Anforderungen an diese Rolle in vollem Umfang.“
Artikelreihe über palästinensische Literatur
Der Grund für das Entsetzen auf jüdischer Seite ist eine Artikelreihe von Mala El Hissy, die am 14. April in dem Online-Magazin „Berlin Review“ veröffentlicht wurde, eine Woche nachdem sie als Mitglied der Jury des Deutschen Buchpreises vorgestellt worden war. Diese Reihe trägt den Titel „Literature of Unsettlement“. Darin stellt El Hissy Bücher von einer Autorin und zwei Autoren mit palästinensischer Herkunft vor.
Diese Autoren würden, so El Hissy in ihrer Einleitung der Reihe, „das Schreiben über Flüchtlingscamps oder Städte, die infolge kolonialer Besiedlung entstanden sind, ins Herz der bundesrepublikanischen Verdrängung tragen“. Es sind dies der 1953 in Damaskus geborene Ali Al Kurdi mit seinem Roman „Der Schamaya-Palast“, die 1974 in Jaffa geborene Ibtisam Azem mit ihrem Roman „Das Buch vom Verschwinden“ und Abdalrahman Alqalaq mit seinen lyrisch-prosaischen Büchern „Übergangsritus“ und „Thieves Beat Me To Haifa“.
Als „literarisch verpackten Antizionismus“ und „poetischen Israelhass“ bezeichnet Daniel Neumann diese Reihe, letztendlich als symptomatisch für den im Kulturbetrieb um sich greifenden Antisemitismus. El Hissy beginnt sie in ihrem ersten Teil mit einer grundsätzlichen politischen Einleitung, ausgehend von der Tötung zweier palästinensischer Journalisten, Mohammed Mansour und Hossan Shabat. Letzterer soll laut IDF, den israelischen Streitkräften, ein Scharfschütze des zur Hamas gehörenden Beit-Hanouns-Bataillons gewesen sein und sich als Journalist von Al-Jazeera ausgegeben haben.
Palästinensische Literatur lese sich, so El Hissy weiter, „als Widerstand gegen die Realität. Sogar inmitten eines Völkermords, (…). Die Literatur, die „derzeit in den Camps in Gaza unter den Bedingungen eines Völkermords weiterhin entsteht“, sei „Teil einer Tradition, die so alt ist wie die Nakba selbst“, und geradezu vorsätzlich gering gehalten werde die Aufmerksamkeit für Palästinenser*innen in der deutschsprachigen Literatur- und Kulturszene.
Zu wenig Aufmerksamkeit für palästinensische Literatur in Deutschland?
Maha El Hissy schließt die Bücher, die wie Ali Al Kurdis „Der Schamaya-Palast“ und Ibtisam Azems „Buch vom Verschwinden“ schon 2010 (das von Al Kurdi) und 2014 (das von Azem) im Original erschienen sind, an die unmittelbare Gegenwart an: Sie liest vor dem Hintergrund des Gaza-Kriegs.
Azems Buch beispielsweise öffne einen Raum, so El Hissy, „der die Existenz eines jüdischen Staates ganz ohne seinen palästinensischen Schatten denkt“. Und der deutsche Pass, den der 1997 in einem syrischen Flüchtlingslager geborene Autor Abdalrahman Alqalaq eines Tages erhalten hat, ist für El Hissy der Anlass, zu erwähnen, dass ausgerechnet Deutschland „der zweitgrößte Waffenlieferant Israels ist und an vorderster Front zu einem Völkermord und zur Ungelöstheit der Palästinafrage beiträgt“.
Allerdings ist es nicht so, dass die Bücher, die El Hissy vorstellt, keine Aufmerksamkeit gefunden hätten. Ibtisam Azems Roman, der im Frühjahr 2023 im Schweizer Lenos Verlag erschien, wurde in der „SZ“, der „FAZ“ und im Tagesspiegel besprochen. Auch zu Ali Al-Kurdis „Der Schamaya-Palast“, auf Deutsch 2022 im Göttinger Wallstein Verlag erschienen, und zu Abdalrahman Alqalaqs „Übergangsritus“, 2024 veröffentlicht, ebenfalls bei Wallstein, gab es größere Besprechungen, beispielsweise im Deutschlandfunk.
Gut möglich also, dass die palästinensische Literatur bei fehlender Resonanz auf ihre Veröffentlichung und auf die Rezensionen dazu ein Schicksal teilt, das im Augenblick die gesamte Literatur betrifft.