Kirill Serebrennikov lädt zum Festival in Berlin: „Wir alle haben doch mittlerweile ein ernsthaftes Problem mit Kontakt und Präsenz“

Ohne Kompass verloren im Schneesturm. Ein Zustand, der in den Augen von Kirill Serebrennikov ziemlich präzise unser momentanes Lebensgefühl beschreibt. Richtung und Ziel sind uns abhandengekommen, die Zeit lässt sich so wenig zum guten alten Früher zurückdrehen wie vorbeigeflossenes Wasser wieder einzufangen wäre.

Was bleibt, ist der Versuch einer Verortung: „Wo sind wir?“. Diese Frage, sagt Serebrennikov beim Gespräch in seinem Büro in Berlin-Mitte, stehe für ihn gerade über allem. Auch über dem Festival, das er jetzt an verschiedenen Kulturstandorten der Hauptstadt mit künstlerischen Weggefährten plant. Es will einer Gegenwart der Verluste etwas entgegensetzen – nämlich Gemeinschaft. Schließlich sind wir alle gleich verloren.

Der russische Regisseur, der seit 2022 im Berliner Exil lebt und hier seine internationale Company Kirill & Friends gegründet hat, würde sich mit Blick auf die gesellschaftliche Lage nicht gerade als Optimist bezeichnen. „Eher als Realist.“ Er beobachte ja jeden Tag, wie sich die Stimmung in seiner Wahlheimat verändere, ablesbar an den Gesichtern. „Und ich verstehe das. Als ich vor rund 15 Jahren erstmals überlegte, hierherzuziehen, war Deutschland noch ein völlig anderes Land“, so Serebrennikov. Eines, in dem zum Beispiel die Züge noch pünktlich fuhren. Kein Deutsche-Bahn-Bashing, bewahre. Was er meint, „ist ein metaphysisches Problem, das an den Wesenskern dieses Landes rührt. Ich sehe viele, die jede Motivation verloren haben, für ein besseres Leben zu arbeiten – für sich und andere.“

Ich leide unter Panikattacken, sobald mein Telefon klingelt

Kirill Serebrennikov

Düstere Aussichten? Nicht ganz. Denn es gibt ja noch die Kunst. „Kunst holt die Leute aus ihrer Komfortzone. Sie stellt die harten Fragen und treibt dich zum Handeln. Sie bringt Menschen zusammen. In real life.“ Im Gegensatz also zu den digitalen Bubbles, deren trügerisches Rückzugsversprechen Serebrennikov selbst kennt. „Wir alle haben doch mittlerweile ein ernsthaftes Problem mit Kontakt und Präsenz. Ich leide unter Panikattacken, sobald mein Telefon klingelt“, erzählt der Regisseur. Wobei diese Phobie nicht nur mit digitalem Eskapismus, sondern auch mit seinem früheren Leben in Russland als permanent drangsalierter, zwischenzeitlich unter Hausarrest gestellter Künstler zu tun habe.

Die Tragikomödie dominiert

Serebrennikov hat über diese Zeit schon viel gesprochen. Zuletzt, als er im Frühjahr mit dem Staatsballett Berlin das in Russland verbotene Stück „Nurejew“ über den legendären queeren Tänzer Rudolf Nurejew aufführte. Kunst zu machen in seiner Heimat – das bedeutete einen täglichen Kampf „gegen ein inhumanes, ideenloses und absolut monströses System.“ Das „Kirill & Friends Berlin Festival“ verfolgt andere Ziele. „Das Programm richtet sich nicht an eine russische Exil-Community“, betont der Theater- und Filmemacher, „sondern an alle, die durch die Linse der Kunst anders auf die Realität schauen wollen.“

Eins der Highlights im zehntägigen Festivalprogramm ist Serebrennikovs Inszenierung „Der Schneesturm“, die im vergangenen Jahr bei den Salzburger Festspielen Premiere feierte. Sie basiert auf dem gleichnamigen Wintermärchen des Gegenwartsautors Vladimir Sorokin, der ebenfalls im Exil lebt und in diesem Buch einen wilden Ritt durch ein surreales Science-Fiction-Russland unternimmt. Ein Dr. Garin – gespielt von August Diehl – versucht in Begleitung seines Kutschers zu einem Dorf durchzudringen, in dem eine Zombie-Seuche tobt. Serebrennikov übersetzt das in eine groteske Extravaganza aus Theater, Musik und Tanz, zu sehen in der Komischen Oper@Schillertheater.

Erstmals in Berlin gezeigt wird auch seine Arbeit „Legende“, die vom Schaffen des Filmemachers Sergej Paradjanow inspiriert ist und ebenfalls einen poetischen Kosmos auffächert, in dem verschiedene Künste zusammenkommen – beteiligt ist unter anderem ein georgischer Chor. Der Dokumentarfilm „Making Legende“ gibt dazu Einblicke in die Entstehung der Produktion.

Szene aus „Legende“ von Kirill Serebrennikov