Zum Tod der Künstlerin Yayoi Kusama: Die Liebe steckt in jedem ihrer Punkte
Sie sei am glücklichsten, wenn sie ihre Kunst mache, sagte Yayoi Kusama vor etwa zehn Jahren in einem Interview. Schon damals hatten viele alles über die japanische Künstlerin wissen wollen. Und die Begeisterung für ihre Person und ihre gepunkteten, knallbunten Installationen und Spiegelkabinette war in den vergangenen Jahren nur noch mehr gewachsen.
Von Melbourne über Kasachstan bis Berlin sind ihr zahlreiche Ausstellungen gewidmet worden. Vor allem junge Menschen lieben es, sich inmitten ihrer Polka-Dot-Installationen und gelb-schwarzen Kürbisskulpturen zu fotografieren. Die sozialen Medien sind voll mit diesen Selfies. Es gibt sogar Instagram-Filter, die Kusama-Punkte auf Gesichter zaubern.
Yayoi Kusama, die seit 1977 freiwillig in einer psychiatrischen Klinik lebte, hat ihr eigenes Universum erschaffen, in dem nicht nur sie, sondern viele ein Stück Freiheit fanden. Die Kunst war ihr Lebensretter. Sie schuf täglich Skulpturen, zeichnete, schrieb Romane und Gedichte und komponierte Musik.

© IMAGO/Capital Pictures/IMAGO/Tokyo Lee Productions, Inc.
Wenn sie nicht arbeitete, könnten ihre Gedanken ziemlich dunkel werden, hat sie, die seit ihrer Kindheit an Depressionen und Halluzinationen litt, oft erzählt. Sie würde auch weiterarbeiten, wenn niemand ihre Werke zu sehen bekäme. Bis zum letzten Tag. So ist es jetzt auch gekommen. Am 14. August ist Yayoi Kusama in Tokio in einem Krankenhaus gestorben.
Kusama schuf ihr eigenes Universum
Die ersten Punkte malte Kusama bereits als Kind. Mit den Fingern. 1929 in der japanischen Kleinstadt Matsumoto geboren, wuchs sie in einem autoritären Haushalt auf, mit einer strengen Mutter, in deren Umgebung sie sich nicht entfalten konnte. Mit etwa zehn Jahren hatte sie zum ersten Mal Halluzinationen, sah Punkte, Pflanzen und Netzmuster, die sich über alles legten. Sie fürchtete, sich darin aufzulösen. Der Punkt sollte auch später in ihrer Kunst Heilung und Bedrohung zugleich bleiben.
Interview mit Stephanie Rosenthal „Meine Aufgabe ist das Dazwischen“
Kusama veranstaltete in den Sechzigerjahren mehr als 70 Happenings in New York. Außerdem kreierte sie bunte Phallus-Installationen wie „Infinity Mirror Room – Phalli’s Field“. Auch ihre „Infinity-Net“-Gemälde und „Soft Sculptures“ wurden schnell erfolgreich. Mit vielen dieser Ideen war sie sogar ein bisschen früher dran als die männlichen Kollegen, die manches davon ebenfalls aufgriffen.
Kusama wurde zur Wegbereiterin und Impulsgeberin der Pop-Art-Bewegung. Ab 1969 gab sie ein Künstlermagazin heraus und nannte es „Orgy“. Auch in Europa gewann sie an Einfluss. In den 1960ern war das eine ungewöhnliche Karriere für eine Frau.
Yayoi Kusama im Gropius Bau All die Punkte im Universum
Hinter dem Punkt stand für Kusama eine ganze Philosophie. Hier löst sich die Trennung zwischen Individuum und Umgebung auf. Der Punkt symbolisiert den Bruch mit dem Raster, steht für Befreiung, Gemeinschaft, Zusammenhalt und Liebe. „Für das Mädchen mit den Polka Dots sind alle Polka Dots gleich; kein Polka Dot ist besser als ein anderer“, schrieb Kusama in einer Einladung anlässlich eines ihrer Happenings in den 1960er Jahren in New York.