Radikaler Pazifist und Bestsellerzeichner: Jacques Tardi, einer der wichtigsten Comicautoren Frankreichs, wird 80
Der Junge mit der Baskenmütze versteht die Welt nicht mehr. „Papa! Hör auf mit dem Quatsch!“, ruft er. Um ihn herum stehen zerschossene Panzer auf einem Acker, aus einem ragt der Leichnam eines Soldaten.
„Komm raus, die Dinger sind gefährlich, Papa!“, fleht der Junge. Doch aus einem Kampffahrzeug kommt nur die Antwort: „Ruhe, ich muss die Panzer aufs Korn nehmen.“
Der verzweifelte Junge ist Jacques Tardis Alter Ego. Die Szene stammt aus der dreibändigen autobiografischen Erzählung „Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B“, einer seiner persönlichsten Arbeiten. Der umständliche Titel verweist auf die Erfahrungen seines Vaters im und nach dem Zweiten Weltkrieg.

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Auch wenn seine größten Arbeiten abgeschlossen sind, erscheinen weiterhin neue Bücher. Zuletzt kamen auf Deutsch „Elise und die neuen Partisanen“ (2024), eine gemeinsam mit seiner Frau Dominique Grange erarbeitete Graphic Novel, und „Nestor Burma – Rififi in Ménilmontant“ (2025) heraus.
Der Krieg ist eines von Tardis Lebensthemen – vor allem die traumatischen Erfahrungen seines Vaters und Großvaters. Drei Schulhefte hinterließ Tardi senior seinem Sohn, als er 1986 starb. Darin hatte er festgehalten, wie er 1940 zunächst als Soldat kämpfte und anschließend vier Jahre und acht Monate in deutscher Kriegsgefangenschaft verbrachte.
„Ich kannte ihn immer nur als ergrauten, bekümmerten Mann“, erzählte Tardi dem Dokumentarfilmer Pierre-André Sauvageot. In dessen Film „Tardi – Schwarz auf Weiß“ gestattete der sonst öffentlichkeitsscheue Zeichner seltene Einblicke in seine Arbeitsweise.
Er berichtet darin, wie ihn der Krieg des Vaters lange beschäftigte, bevor er einen Weg fand, dessen Erinnerungen umzusetzen. Der Film ist beim Streaming-Dienst „Sooner“ zu sehen und wird am 27. sowie 30. August in der Berliner „Brotfabrik“ gezeigt.
Ich traue meinem Leser nicht allzu sehr und stelle ihn mir als jemanden vor, der meine Bilder falsch entschlüsseln könnte.
Jacques Tardi
In „Ich, René Tardi“ führt er sich als Ich-Erzähler und Dialogpartner des Vaters ein, obwohl er erst 1946 geboren wurde. Anfang der 1980er-Jahre bat er den Vater, seine Erlebnisse in Gefangenschaft aufzuschreiben. Er wollte verstehen, wie aus dem jungen Idealisten ein verbitterter Mann geworden war, der sein Land verabscheute – ein Frankreich, das sich den Deutschen unterworfen hatte.

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Tardi schildert das in düster-grauen Bildern, mit großer Genauigkeit und ohne Pathos. „Ich traue meinem Leser nicht allzu sehr und stelle ihn mir als jemanden vor, der meine Bilder falsch entschlüsseln könnte“, sagt er im Film. Also recherchiert und zeichnet er umso exakter.
Derselbe Mann, der mich zur Schule brachte, war im Gaskrieg!
Jacques Tardi über seinen Großvater
Die Kamera beobachtet ihn dabei, wie er sich mit dem Bleistift tastend dem leeren Papier nähert, bis Figuren und Kulissen entstehen. In seinen stilisierten, leicht karikierend überzeichneten Figuren sind Einflüsse von US-Undergroundzeichnern wie Robert Crumb erkennbar, in den akribischen Hintergründen und klaren Linien solche franko-belgischer Zeichner wie Hergé und Edgar P. Jacobs.
Noch stärker als der Zweite Weltkrieg beschäftigt Tardi der Erste. Sein Großvater saß in den Schützengräben von Verdun im Kreuzfeuer. Er kehrte 1918 von der Front zurück und schwieg fortan. Erst von der Großmutter erfuhr Tardi später, wie ihr Mann den Gaskrieg erlebt und in einem Granattrichter neben einer verwesenden Leiche überlebt hatte. „Derselbe Mann, der mich zur Schule brachte, war im Gaskrieg!“ Diese Erkenntnis ließ ihn nicht los; nachts wurde er von Albträumen verfolgt.

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Seine eigene Militärzeit Ende der 1960er-Jahre absolvierte Tardi widerwillig. Sie sei „vertane Zeit“ gewesen, sagt er später. Immerhin habe er dort gelernt, Unterdrückung zu erkennen und zu verachten. Tardi wurde zum radikalen Pazifisten und Antimilitaristen. „Es gibt keine Helden und keine Hauptpersonen in dem beklagenswerten kollektiven Abenteuer, genannt Krieg“, heißt es im Vorwort zu „Grabenkrieg“. „Es gibt nur einen gigantischen, anonymen Aufschrei im Todeskampf.“
Geschichte zeichnet Tardi jedoch nicht nur düster. Seine berühmteste fiktive Figur, die emanzipierte Schriftstellerin Adèle Blanc-Sec, führt in eine skurrile, farbige Welt. Die seit Mitte der 1970er-Jahre erscheinende Reihe „Adèles ungewöhnliche Abenteuer“ ebnete den Weg für ambitionierte Erwachsenencomics. Sie verbindet wiederbelebte Mumien und gefährliche Flugechsen mit dem Paris des frühen 20. Jahrhunderts sowie Kritik an Kapitalismus und Bürgertum.

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Und dann ist da der politische Tardi. 2013 lehnte er die Aufnahme in die französische Ehrenlegion ab. Er wolle ein freier Mann bleiben und sich von keinem Machthaber vereinnahmen lassen, ließ er wissen.