Alice Hasters über den Volksbad-Eklat: „Für Schwarze Menschen ist es brutal, wenn über sie debattiert wird“

Frau Hasters, 2020 gab es noch große Solidarität mit der Black-Lives-Matter-Bewegung. Heute wird ein sechsstündiges Schwimmangebot für Schwarze Kinder und Jugendliche zum Skandal. Waren wir nicht schon weiter?
Nein, vor 2020 hätte es einfach weniger interessiert, weil viele Rassismus und die Bewegung dagegen nicht auf dem Schirm hatten. Durch 2020 haben Leute mitbekommen, dass sich Menschen für Antirassismus einsetzen. Paradoxerweise können Safer Spaces oder ein Schwimmbad nur für Schwarze Menschen jetzt leichter instrumentalisiert werden. Ich glaube, dass die Rechten ihre Strategien infolge dieser ersten solidarischen Welle von 2020 verschärft haben. Empowerment-Initiativen wie die von Eoto sind inzwischen ein größerer Teil des Kulturkampfs.

Welches Interesse hat ein Verein wie Eoto daran, ein Schwimmbad für die Schwarze Community zu reservieren?
Schwarze Menschen werden in einer weißen Mehrheitsgesellschaft als Abweichung oder „nicht normal“ markiert. Im Schwimmbad wird das besonders deutlich: Die Körper sind exponiert. Es fallen häufiger Kommentare über Haare, Haut oder darüber, wie man braun wird. Das Gefühl, anders zu sein, kann sich verstärken.

Dazu kommen Ausweiskontrollen und negative Stereotype – etwa die Vorstellung, Schwarze Menschen würden stören oder seien gewaltbereiter. Wenn ein Schwarzes Kind laut ist oder herumrennt und zurechtgewiesen wird, fragt es sich vielleicht, ob das daran liegt, dass es ein Kind ist, oder eben auch daran, dass es ein Schwarzes Kind ist. Der Verein Eoto kümmert sich darum, dass Schwarze Kinder und Jugendliche in geschützten Räumen, sogenannten Safer Spaces, auch einmal von sich selbst ausgehen und selbst der Standard sein dürfen.

War das Volksbad der richtige Ort für so einen Safer Space?
Ich würde sagen: nein. Wenn Schwarze Kinder einen Raum bekommen sollen, in dem sie unter sich und unbeobachtet sein können, ist ein Bad, das Teil eines Theaters ist, nicht der richtige Ort. Man kann Schwarze Kinder nicht in einen Safer Space schicken, der zugleich eine Bühne ist. Das Volksbad wurde von Anfang an kontrovers diskutiert und wurde auch von rechten Medien stark beobachtet. Dass es eine Kampagne geben würde, war nicht komplett überraschend. Das hätte man sich schon überlegen können.

Das temporäre Schwimmbad vor der Volksbühne bei seiner Eröffnung am 7. August.

© AFP/JOHN MACDOUGALL

Was hätten die Volksbühne oder auch Eoto anders machen müssen?
Wenn man so etwas macht, muss man auf eine solche Reaktion vorbereitet sein – selbst wenn man denkt: Das ist ein harmloses Schwimmen für Schwarze Kinder und Jugendliche, wer wird schon etwas dagegen haben? Man braucht ein Sicherheitskonzept und muss früher reagieren, wenn rechte Medien eine Kampagne beginnen. Institutionen wie Eoto oder die Volksbühne müssen vorher erklären, was ein Safer Space ist, warum es solche Räume gibt und was das Antidiskriminierungsgesetz bedeutet. Diese Reaktion darf man nicht den unvorhersehbaren Dynamiken der sozialen Medien überlassen.

Rechte Medien wie Nius haben das Thema angestoßen. Danach wurde tagelang in Medien und sozialen Netzwerken diskutiert. Nach rassistischen Drohungen wurde das Schwimmen für Schwarze Kinder wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. Wie konnte das so eskalieren?
Rechte Medien haben das Thema initiiert, aber auch diejenigen, die sich dagegenstellen, haben es groß gemacht. Es war eine Social-Media- und Mediendynamik. Es spult sich dann eine Maschinerie ab: Die einen behaupten, dass es Rassismus gegen Weiße ist, die anderen reagieren darauf. Alles bekommt Aufmerksamkeit und bringt Klicks.

Das Wort „Rassismus“ generiert in Deutschland viel Aufmerksamkeit, aber meistens leider nur dann, wenn es um eher Harmloseres, wie einen Nachmittag in einem Schwimmbad, geht. Der Streit schaukelt sich jedoch schnell hoch. Die Rechten bekommen das Signal: Es funktioniert, die Leute reagieren. Die Rechten wissen, dass man ein Stöckchen hinhalten kann, über das dann viele springen.

Die Volksbühne hat mit einem „Fickt euch!“-Plakat auf die Anfeindungen reagiert. Manche Kritiker sagen: Wenigstens war das gute Kunst.
Ob das gute Kunst war, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Der Diskurs war extrem weiß und auf die Volksbühne fixiert. Die Leute fragten vor allem: Was bedeutet das für die Volksbühne und für weiße Menschen? Die wenigsten gingen von den Schwarzen Kindern oder Eoto aus – und davon, was es für Schwarze Menschen bedeutet, wenn Debatten auf ihrem Rücken ausgetragen werden. So sehr, dass es für sie zum Sicherheitsrisiko wurde, überhaupt ins Volksbad zu gehen. Es ist für Schwarze Menschen eine brutale Erfahrung, wenn über sie debattiert wird.

Was ist es, das Menschen bei diesem Thema so wahnsinnig aufregt?
Es ist eine Mischung aus einem selbst empfundenen Ungerechtigkeitsgefühl und Rassismus. Viele Menschen haben in Zeiten, die generell ungerecht erscheinen, das Gefühl, dass ihnen die Felle wegschwimmen, dass ihr Zustand bedroht ist und sie absteigen könnten. Wenn sie dann hören, dass es Initiativen, Antidiskriminierungsgesetze und Communitys gibt, die die Ungerechtigkeit ausgleichen sollen, empfinden sie das als ungerecht: Ihnen gehe es doch auch nicht gut und nach ihnen schaue niemand.

Dafür können Schwarze Menschen nichts. Es ist nicht ihre Schuld, wenn es Menschen, die nicht von Rassismus betroffen sind, auf andere Weise schlecht geht. Aber es wird gegeneinander aufgewogen.

Die Berliner CDU-Bezirkspolitikerin Aileen Weibeler sagte in einem viralen Video: „Ich darf nicht ins Schwimmbad, weil ich weiß bin.“ Sie fühle sich dadurch diskriminiert.
Diskriminierung ist nicht der Ausschluss, den Aileen Weibeler in diesem Moment erfahren hat. Sie muss vielleicht ein paar Stunden darauf verzichten, ins Volksbad zu gehen. Wir kennen Frauenschwimmen und Seniorenschwimmen oder Angebote für Menschen mit besonderen Bedürfnissen, die sich in öffentlichen Räumen sonst nur schwer durchsetzen können. Wenn uns das bewusst ist, haben wir damit kein Problem. Es ist aber eine Strategie, so zu tun, als hätte man noch nie davon gehört, dass es auch rassistische Diskriminierung gibt und dass dagegen selbstverständlich Maßnahmen ergriffen werden müssen – auch im öffentlichen Raum.

Bleibt eine Woche nach der großen Aufregung auch etwas Positives von der Debatte?
Es war keine richtige Debatte, sondern ein Medienwirbel. Ich bin unsicher, ob am Ende irgendjemand seine Meinung geändert hat oder etwas anders ist.