Die Kultur lässt die Stadt leuchten: Berlin darf seine größte Stärke nicht kaputtsparen

Dietmar Schwarz und Andre Schmitz haben im Tagesspiegel gemahnt: „Berlin braucht ein Bekenntnis zur Kultur.“ Wer in Berlin regieren will, sollte nicht nur über die Probleme dieser Stadt sprechen. Und die beiden fragen sich, warum Stefan Evers in seinem ersten Interview als Spitzenkandidat der CDU für die Abgeordnetenhauswahl von „Genörgel“ über Berlin spricht, statt auf diese Stadt stolz zu sein.

Diesem Genörgel unserer Freunde kann ich nur meine Begeisterung für die weltweit einmalige kulturelle Vielfalt Berlins entgegensetzen – immerhin laufen sie damit ja auch bei der CDU offene Türen ein. Umso wichtiger ist es, die Parteien der Mitte jetzt auf die verbindenden Kräfte der Kultur für ein gesellschaftliches Miteinander in unserer Stadt einzuschwören, statt sich in wenigen Facetten kleinlich voneinander abzugrenzen.

Der Hamburger Bahnhof soll künftig gemeinsam mit dem Museum für Naturkunde, dem Futurium und dem Medizinhistorischen Museum der Charité die neue „MuseumsMeileMitte“ bilden.

© picture alliance/dpa/Annette Riedl

Kultur ist eine Investition in die Zukunft

Vor diesem Hintergrund ist klar: Kultur ist keine Subvention, sondern eine Investition in die Zukunft! Umgekehrt kann man mit Kürzungen bei der Kultur keinen Haushalt sanieren, sondern Einbußen an kultureller Vielfalt würden auch wirtschaftlichen Schaden anrichten.

Auch deshalb gilt es, kreatives Engagement, auch privatwirtschaftliches, zu stimulieren – da sollte der Senat dann auch mal in Vorlage gehen mit einem starken Akzent. Wie wäre es endlich mit einem Bekenntnis zur Kulturnutzung am Flughafen Tempelhof oder mit der Wiederbelebung des ICC, wo ja nicht nur der Staat agieren muss, sondern wo sich sicher auch experimentierfreudige private Kulturveranstalter und Kulturinvestorinnen gerne niederließen.

Es ist schon frech, Evers vorzuwerfen, dieses Projekt sei „am Veto des Finanzsenators gescheitert“.

Monika Grütters

Und ja, auch die Zentral- und Landesbibliothek braucht nicht nur ein neues Quartier, sondern würde ein „innovativer Ort für den Zusammenhalt in einer modernen Gesellschaft“ sein – da haben die beiden Autoren recht. Die Lafayette-Lösung war allerdings nicht umsetzungsreif und offenbar zu aufwendig für einen Sparhaushalt. Es ist schon frech, Evers vorzuwerfen, dieses Projekt sei „am Veto des Finanzsenators gescheitert“: Zur Wahrheit gehört nämlich auch hier, dass leider auch dieses Projekt nicht erst in den vergangenen drei Jahren verschleppt wurde, sondern es schwelt seit Jahrzehnten.

Um sich im internationalen Wettbewerb um Vor- und Querdenker, um kluge und kreative Köpfe zu profilieren, braucht Berlin über ein vielfältiges, kulturelles Angebot hinaus aber auch weiterhin Freiräume, in denen Ideen und Innovationen gedeihen können: bezahlbaren Raum zum Leben und Arbeiten, dazu Gestaltungsspielraum, Raum zur Entfaltung, Resonanzraum.

Nehmt der Stadt nicht ihr Alleinstellungsmerkmal weg

Deshalb darf die Politik nicht tatenlos zusehen, wie der Stadt die Freiheiten und Freiräume, die ihr diesen besonderen Charme und ein Alleinstellungsmerkmal verliehen, langsam abhandenkommen, etwa durch hohe Mieten. Sie muss im eigenen Interesse diesem Missstand begegnen, indem sie die Arbeitsmöglichkeiten gerade für die Freie Szene, für so viele soloselbständige Künstlerinnen und Künstler systematisch fördert.

Dieser Szene, die neben den prominenten Institutionen der Humus der Berliner Kulturblüte ist, sollte mit mehr Zutrauen, Neugier und Hilfsbereitschaft begegnet werden. Denn es sind die Kreativen, die eine Gesellschaft vor gefährlicher Lethargie bewahren können, sie sind das kritische Korrektiv in einer vitalen Demokratie.

Mit ihrem außergewöhnlichen Reichtum an kulturellen Schätzen und ihrer enormen Dichte an Kultureinrichtungen mit Reputation und Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus könnte und sollte Berlin kulturpolitisches Experimentierfeld sein: für Zusammenhalt in Vielfalt, für eine vielfarbige Blüte heute und in Zukunft.

Statt unterschiedsloser Sparvorgaben brauchen wir eine am Gemeinwohl orientierte Prioritätensetzung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dafür wünsche ich mir mehr Mut und Ehrgeiz – nicht nur als Kulturpolitikerin, sondern vor allem als Herzensberlinerin.

Unter Deutschlands Städten ist Berlin weder die älteste noch die schönste, aber unerreicht in ihrer Lebendigkeit, wie Richard von Weizsäcker es 1990 in seiner Rede anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde formulierte. Entscheidenden Anteil daran hat die Kultur. Das soll bitte auch in den Jahren 2026 bis 2031 noch so sein!

Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels schrieb die Autorin, dass der Kulturhaushalt unter Kultursenator Lederer (Die Linke) während der Rot-Rot-Grünen Koalition nicht wuchs. Das ist nicht korrekt. Die entsprechende Stelle wurde auf Wunsch der Autorin gestrichen.