Nachruf auf den Germanisten Gotthard Erler: „Wir reisten im Kopf“
Im Jahre 1979 wurde mir eine dreibändige Anthologie deutscher literarischer Reisebeschreibungen mit dem Titel „Reisebilder“ geschenkt, 1975 bis 1979 erschienen im Carl Hanser Verlag, München, aber „Printed in the German Democratic Republic“, da es sich um eine Übernahme handelte aus dem VEB Hinstorff Verlag Rostock, DDR. Die Edition stammte von Gotthard Erler, einem ostdeutschen Literaturhistoriker und Fontaneforscher, der seit 1956 im Aufbau Verlag Berlin tätig war. Einen vierten Band edierte er 1986 noch zusammen mit seiner Ehefrau, der Literaturhistorikerin Therese Erler.
Etwas später stoße ich in einem Kölner Antiquariat zufällig auf Georg Forsters in der Anthologie vorgestellten „Ansichten vom Niederrhein“ aus dem Jahr 1791, eines der bedeutendsten Werke der Gattung „Literarische Reisebeschreibungen“. Das wirkt als Initialzündung, um auf der Grundlage aller in der Anthologie vorgestellten Werke eine mit Laurence Sternes „Sentimental Journey/Yoricks empfindsame Reise“ (englische und deutsche Erstausgabe von 1768) beginnende und bis in die Gegenwart reichende Sammlung mit literarischen Reisebeschreibungen aufzubauen.
Die vier Bände der in ihrer Art bis heute einzigartigen Anthologie bilden den Zeitraum von etwa 1780 bis 1890 ab. Am Anfang stehen die „Reisebilder von Goethe bis Chamisso“ aus der Phase der Spätaufklärung, in der das Genre mit literarisch-essayistisch intendierter Reiseprosa „sozusagen Literaturfähigkeit erlangte“ (Erler). Mit „Reisebilder von Heine bis Weerth“ erlebt die Gattung mit einer zeit- und kulturkritisch reflektierenden Reiseprosa eine zweite Blütezeit. Das große Vorbild der Autoren des Jungen Deutschland und des Vormärz war Heinrich Heine, der mit seinem Zyklus „Reisebilder“ eine literarische Sensation hervorrief.
Die im dritten Band „Reisebilder von Gerstäcker bis Fontane“ gespiegelte Zeit nach der Niederschlagung der Revolution von 1848/49 dominierte Theodor Fontane, vor allem mit den zwischen 1862 und 1889 erschienenen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Die Autoren des die Zeit von 1860 bis 1893 umfassenden letzten Bandes „Reisebilder von Bucher bis Lindau“ waren, „grob gesprochen, Zeitungsleute, die haupt- oder nebenberuflich die Tradition der literarisch anspruchsvollen Reiseprosa pflegten“, wie Erler schreibt.
Für DDR-Bürger hatte Reiseliteratur eine besondere Bedeutung
Gotthard Erler selbst war nach der Wende 1989 als Cheflektor und Geschäftsführer des Berliner Aufbau Verlags eine die literarische Landschaft Deutschlands prägende Persönlichkeit. Ein Forscherleben lang hat er das Werk Theodor Fontanes betreut und seit 1994 die Große Brandenburger Ausgabe angeregt und herausgegeben. Seine zahlreichen Publikationen fanden 2024 mit der Biografie „Emile Fontane. Dichterfrauen sind nicht immer so“ einen berührenden Abschluss. Anlässlich seines 90. Geburtstags wurde er 2023 deshalb als bedeutendster Fontane-Kenner gefeiert.
Und daneben gab es in Erlers literarischem Kosmos eben noch das weite Feld der literarischen Reisebeschreibung. Seine Kommentare zu den von ihm vorgestellten und wiederentdeckten Autoren und ihren Reisebildern sind geschrieben mit eleganter Feder, profundem Wissen, intellektueller Schärfe und erkennbar persönliche Standpunkte widerspiegelnder Anteilnahme des bekennenden Sozialisten und Nicht-SED-Mitglieds an demokratisch-freiheitlichen und humanitären Anliegen der Porträtierten. Sie vermitteln einen faszinierenden Eindruck von der Mannigfaltigkeit deutschsprachiger literarischer Reiseprosa. Erler hat damit für alle lesenden Reisenden und reisenden Leser einen Schatz gehoben, den mit einer Neuauflage der Anthologie wieder zugänglich zu machen sehr wünschenswert wäre.
Mein erster postalischer Kontakt mit Gotthard Erler kam zustande, als ich ihm 2014 Material für die Ausstellung „Zauber und Vielfalt literarischer Reisebeschreibungen“ in der Kölner Stadtbibliothek mit Büchern aus meiner Sammlung zusandte. Postwendende Antwort: „Wie erfreulich und aufregend sind solche Erinnerungen an ‚abgelebte Zeiten‘. Ich hoffe, daß Sie mit Ihren Sammelobjekten demnächst nach Berlin kommen und wir uns dann die Hand drücken können.“
Das geschah erst viele Jahre später, im Herbst 2022, als Erler in Berlin meine Sammlung ansehen wollte. Unvergesslich, den im Alter zarten Mann mit weißen Handschuhen in Erstausgaben von Georg Forster, von Heinrich Heine und Theodor Fontane blättern zu sehen, begleitet von kurzen Erläuterungen und der Freude darüber, dass „die nicht alltägliche Passion für diese spezifische Büchergruppe uns zueinander geführt hat. Ich fühle mich lebhaft an meine ein halbes Jahrhundert zurückliegende Arbeiten mit solchen Exemplaren erinnert“.
Versuch einer „individuellen Wiedergutmachung“ für Opfer der NS-Diktatur
Dass Gotthard und Therese Erler, die ihrerseits auch als Herausgeberin von Reisewerken Pückler-Muskaus brillierte, in mühevoller editorischer Arbeit nicht nur eine literaturhistorische Lücke schlossen, sondern angesichts der sehr eingeschränkten Reisemöglichkeiten den Bürgern der DDR – „Wir reisten im Kopf“ (Erler) – gerade auf diese Weise mit anspruchsvoller Reiseliteratur ein Stück Welterkundung ermöglichten, kann nicht genug gewürdigt werden.
Und noch etwas ist gerade jetzt zu rühmen: In einer DDR, die trotz ihres offiziellen Antifaschismus einen Antizionismus (mit antisemitischem Anstrich) pflegte, bewegte Erler in seiner Verlagsarbeit speziell auch das Thema „Juden im Exil“. Er hatte fünfzehnjährig Victor Klemperers „LTI – Notizbuch eines Philologen“ als sein „Erweckungsbuch“ gelesen und später dafür gesorgt, dass die postum entdeckten Tagebücher Klemperers 1995 als höchst erfolgreiche Gesamtausgabe im Aufbau Verlag erscheinen konnten.
Diese frühe Bildungserfahrung fand später ihre Fortsetzung in der Zusammenarbeit und Freundschaft mit der herausragenden Fontaneforscherin Charlotte Jolles und dem Verleger Fritz Landshoff des legendären Amsterdamer Exilverlags Querido, beide aus Berliner jüdischen Familien stammend, beide unter dem Naziterror ins Exil gezwungen. Seine Beweggründe hat Erler so beschrieben: „Mein moralisch-kulturpolitisch-verlegerischer Impuls war der Versuch einer individuellen Wiedergutmachung für Opfer der barbarischen Zäsur von 1933.“
Mit Dankbarkeit blickt man auf das beeindruckende, der schönen Literatur gewidmete Gesamtwerk, das Gotthard Erler in seinem langen Leben geschaffen und hinterlassen hat. Kurz nach seinem 93. Geburtstag am 20. Juni ist er in Berlin gestorben.