Wenn das Brigitte wüsste: Die Premiere von „Drei Drachen vom Grill“ am BKA Theater

Die legendäre Imbissbude aus der SFB-Serie „Drei Damen vom Grill“ stand bekanntlich in Schöneberg, am Nollendorfplatz. Nicht ganz das Revier von Futschi-Fürstin Edith Schröder und ihren beiden Freundinnen Jutta und Biggy, deren natürliches Habitat – da sind sich alle Experten für Artenvielfalt sicher – in Neukölln zu verorten ist.
Aber hey, sind die drei nicht schon seit Jahren ohnehin exterritorial unterwegs, als Hausgeister am BKA Theater am Mehringdamm nämlich, mithin in Kreuzberg? Dann muss die Bude für ihr Remake „Drei Drachen vom Grill“, das am Freitagabend Premiere hatte, auch nicht mehr unbedingt vor dem Metropol stehen, wie weiland die von Oma Färber. Stattdessen geht’s in den Osten, an den Rosenthaler Platz! Gewagt. Bezirksbindung aufgehoben.
Ein Kontinent namens West-Berlin
15 Jahre lang, von 1977 bis 1992, fing die Originalserie in 140 Folgen das Kolorit eines untergegangenen Kontinents namens West-Berlin ein – mit Brigitte Grothum, Gabriele Schramm und Brigitte Mira, kurz nach dem späten Urknall ihrer Karriere mit Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf“. Mit der Teufelsberg Filmproduktion hat Ades Zabel den Stoff schon ab 1987 auf Super-8-Filmen verulkt, die damals bundesweit in den Programmkinos liefen. Jetzt, sehr viel später, also eine komplett neue Bühnenshow (Regie: Bernd Mottl), mit vielen Anspielungen auch auf die politischen Realitäten des Jahres 2026.
Wobei, der Eröffnungssong „Wurst“ auf Madonnas „Vogue“ rauscht erst mal wieder zurück ins Jahr 1990. Die fleischfarbenen Mieder, in die sich Edith (Ades Zabel), Jutta (Bob Schneider) und Biggy (Biggy van Blond) dafür zwängen, dürften programmatisch zu verstehen sein und nicht zufällig an Wurstpellen erinnern. Allerdings dauert es lange, bis hier erstmals tatsächlich Fleischware brutzelt.
Die Rente war schon damals zu klein
Erst wird die Vorgeschichte erzählt: Edith war wahrlich mal verheiratet, doch der Geliebte wurde am Tag der Hochzeit vom Flixbus überfahren, jetzt hat sie seine Imbissbude in der Torstraße geerbt. Die Fäden zum Original sind da nur sehr lose geknüpft. Oma Färber hat nie etwas geerbt, sondern muss sich aus wirtschaftlicher Not selbstständig machen, die Rente war schon damals viel zu klein. Das allerdings gilt hier auch: Juttas Kneipe wirft nicht mehr genug ab, seit alle beim Späti trinken, und wer weiß schon, ob sie das Bürgergeld nicht in fünf Jahren abschaffen?
Als Notar hat Klaus Wowereit einen Gastauftritt auf der Leinwand, aus dem man mehr hätte herausholen können. Köstlich allerdings, wie die Truppe mit den Ängsten von vegetarischen und veganen Mitte-Menschen spielt, Fleischkonsum sei irgendwie „rechts“ („brauner Senf kostet extra“).
Die wahren Rechten kommen später: Auftritt eines Politikers in verräterischem blauen Anzug, Vorname Tino, im Schlepptau: eine in martialisch schwarzem Hut gewandete Frau namens Melanie Trampel, der das Grundstück eigentlich gehört und die für ganz Berlin große Pläne hat: Golfplatz auf dem Tempelhofer Feld, Triumphbogen am Hauptbahnhof, und auch das „Café Trampler“ soll wiedereröffnet werden, fünfmal so groß.
Das ist albern, oft witzig, hat aber auch seine Durchhänger. Roman Shamov ist abermals großartig, wenn er sich als Sidekick Harry verzweifelt auf die Suche macht nach frischen Würsten, während sein Sakko so spannt, dass er selbst gleich aufplatzt. Doch die Autofahrt durch Berlin, vorbei an Humboldtforum und Friedrichswerderscher Kirche, wirkt unnötig in die Länge gezogen. Wirklich etwas Neues fügt dieser Abend den Charakteren der seit Jahren beliebten Weihnachtsshow „Wenn Ediths Glocken läuten“ nicht hinzu, auch Biggy trägt natürlich jahreszeitenunabhängig ihr geliebtes Leopardenmuster. Die „Drachen“ im Titel versteht man nicht wirklich, dazu ist dann doch alles zu harmonisch, fauchen sich die Drei zu wenig an.