305 Kilometer Radtour jenseits der Schmerzgrenze: „Warum tue ich mir das hier an?“
Die gute Laune des Moderators ist kaum auszuhalten morgens um halb drei. Die Gewitter seien knapp an Neubrandenburg vorbeigezogen, berichtet er. Damit stehe der „besten Tour deines Lebens“ nichts mehr im Wege. Abgesehen von den 305 Kilometern Streckenlänge, die die Eiszeit in der hügeligen Seenplatte mit 1600 Höhenmetern garniert hat.
Die Ersten sind am Vorabend gestartet und keuchen jetzt irgendwo durch die Schwärze der Mecklenburger Nacht. Ich will um drei Uhr losfahren, wenn der Start wieder öffnet. Dann bleiben mir 21 Stunden Zeit bis zum Zielschluss. Wobei ich gern rechtzeitig zurück wäre, um abends halb elf den letzten Zug zurück nach Berlin zu erwischen, statt eine weitere Nacht in der Sporthalle zu verbringen.
Als um halb zwei mein Turnmattennachbar zu schnarchen begann wie ein Keiler, war ich nach ein paar schlaflosen Stunden aufgebrochen zum Kulturpark von Neubrandenburg. Vorbei an Wohnmobilen aus ganz Deutschland und drumherum, ein Stück am dunklen Ufer des Tollenseesees entlang bis zum Frühstückszelt im Startbereich, wo Helfer Brote mit Nutella, Salami und Käse sowie Bananen, Eier und vor allem Kaffee servieren. Dazu ein Lächeln, das guttut.

© Stefan Jacobs
Kurz vor drei trete ich an zur Licht- und Helmkontrolle und warte zwischen 150 anderen auf den Start. Insgesamt haben sich mehr als 4000 Radler für die lange Tour angemeldet. Nur für Frauen gibt es außerdem eine 100-Kilometer-Variante, deren 1000 Teilnehmerinnen auch E-Bikes fahren dürfen. Tags zuvor sind schon hunderte Kinder auf der „Mini-MSR“ durch die Weiten des Kulturparks gekurvt. „… Drei, zwei, eins – Go!“ Der Pulk rollt an. Eine rot-weiße Lichterschlange, die sich aus dem Park in die schlafene Stadt windet und auf einer leeren Ausfallstraße hinaus in die Finsternis.
Bei den Kühen gibt’s Frühstück morgens halb vier
Um 3.25 Uhr nehme ich interessiert zur Kenntnis, dass die Kühe in der Milchviehanlage von Burg Stargard nachts nicht schlafen, sondern im Neonlicht ihres Freiluftstalls fressen. Auch wegen Erkenntnissen dieser Art mache ich gern lange Radtouren. Wobei „lang“ sonst 100 tagesfüllende Kilometer sind.
Warum tue ich mir das hier an?
Ein Teilnehmer auf der Strecke im Gewitter, morgens halb vier.
Minuten später zucken Blitze durch die Nacht. Einzelne Tropfen kreuzen den Lichtstrahl der Fahrradlampe. Drei Alleebäume weiter ist der Niesel zu platschendem Regen angeschwollen, der von allen Seiten kommt; mangels Schutzblechen auch von unten. Jetzt bloß nicht wegrutschen oder von der Straße abkommen! „Erlebnis geht vor Ergebnis“, hatte der Moderator verkündet. Ein Donner kracht über die Felder, deren Konturen im Blitzlicht aufleuchten. Immerhin hält sich der Wind zurück. „Warum tue ich mir das hier an?“, fragt jemand aus dem Pulk in die Nacht hinein. Eine Antwort bekommt er nicht.

© Stefan Jacobs
Um sieben rolle ich am Schlosspark Neustrelitz vorbei, zur Linken den Grabtempel von Königin Luise, zur Rechten das Slawendorf am Zierker See. Die Nudelbrühe im zweiten Depot tat gut. Wenn ich weiter so vorankomme, könnte ich sogar den Zug um 20.30 Uhr schaffen. Inzwischen müssten fast alle Starter auf der Strecke sein, aber das Feld hat sich so weit auseinandergezogen, dass ich manchmal ganz allein bin. Durch Wälder, in denen man Blaubeeren pflücken und mit Trollen rechnen kann, geht es nach Wesenberg und nahe der Brandenburger Landesgrenze weiter Richtung Müritz.
Es scheint mehr Seen als Einwohner zu geben in dieser Gegend
Der Himmel ist mit dunklen Wolken dekoriert, die der Sonne genug Lücken lassen, um die sommerliche Mecklenburger Trikolore aus Kornblumen, Kamille und Mohn zu beleuchten. Es scheint mehr Seen als Einwohner zu geben in dieser Gegend, die das Gemüt wärmt. Ich gähne unentwegt, aber bei dem Wind sind kaum Insekten unterwegs.

© Stefan Jacobs
Als es vor Malchow wieder ruhiger wird, studiere ich meine Mitreisenden. Die meisten sind zwischen Mitte 20 und Mitte 60, viele fahren in Freundesgruppen oder im Verein. Etliche Frauen sind dabei. Je später am Tag, desto mehr. Und desto schneller sind alle.
Ich überhole fast niemanden mehr, aber werde unentwegt überholt. Mal rauscht ein Trio vorbei, mal eine Großpackung von 30 Leuten. Aggressiv wie ein Insektenschwarm kommen sie mit ihren schnarrenden Feiläufen herangesummt und rauschen vorbei wie ein ICE an der S-Bahn. Der Wind hat zugelegt und die Landschaft zieht sich in die Länge. Niemand da, hinter dem ich mich verstecken kann.
Um drei Uhr früh war ich von Leuten umgeben, die die Tour irgendwie schaffen wollten. Jetzt kommen die, die um sechs losgefahren sind und vorher ihren Schnitt verabredet hatten. Manche provozieren mit Erinnerungstrikots irgendwelcher Triathlons. Fast alle fahren teure Rennräder.
Ich falle nicht mehr so unangenehm auf wie im Vorjahr, als ich die Tour mit meinem 500-Euro-Trekkingrad absolviert habe. Denn der Pressedienst Fahrrad, der als Medienservice auch die MSR bewirbt, hat mir ein Gravelbike geborgt, also ein leichtfüßiges Rennrad mit breiten Reifen. Der Rennlenker gibt mir die Chance, bergab den Kopf einzuziehen im Gegenwind. Bis der Nacken sich meldet und verlangt, dass ich mich wieder aufrichten soll.

© Stefan Jacobs
In Chemitz bei Kilometer 295 ist er dann richtig verzückt. Denn während bisher nur hier und da mal einer freundlich gehupt oder gewunken hat, ist hier das halbe Dorf aus dem Häuschen, um anzufeuern: Applaus schallt aus den Campingstühlen vor den Gärten.
An einer Kreuzung stehen drei Jugendliche mit Pauke und Trompeten, an einer Engstelle strecken Kinder die Hände zum Abklatschen aus, und an der Steigung hinter dem Dorf hat sich jemand mit einer Boom-Box postiert, um den Radlern mit Party-Mugge beim Treten zu helfen.
700
Helfer sorgen dafür, dass bei der Mecklenburger Seen-Runde alles klappt
Dann kommen die Hochhäuser von Neubrandenburg in Sicht, die aus der Senke am Tollensesee ragen wie die DDR-Version von Manhattan. Hinter einer scharfen Kurve beginnt der Kulturpark, in dem Hunderte an den Absperrgittern stehen und klatschen.
Neubrandenburg macht Party – auch meinetwegen. Der Moderator ruft meinen Namen, als ich über die Ziellinie fahre; der Transponder an der Startnummer macht’s möglich. Ein paar Jugendliche beglückwünschen mich und hängen mir die Medaille um, die kaum über den Kopf passt, weil mein Grinsen so breit ist. Es gibt hier Gold für alle, die es geschafft haben, egal wie schnell.
Die ersten Nachtfahrer waren wohl morgens nach weniger als zehn Stunden wieder da. Als Letzter rollt abends halb zwölf ein 78-Jähriger ins Ziel, erfahre ich später. Ich komme um 19.11 Uhr an, war also 16 Stunden und zehn Minuten unterwegs und bin netto einen Schnitt von 23,4 Kilometer pro Stunde gefahren. So schnell bin ich sonst nie; offenbar habe ich vom Sog der überholenden Sportfreunde profitiert.
Kurz frage ich mich, wie ich das geschafft habe, denke: „Mit eiserner Disziplin“, aber verwerfe diese Antwort wieder, weil sie mir zu sehr nach Wehrmachtsveteran klingt. Eigentlich bin ich nur gefahren, während sich freundliche Helfer um alles andere gekümmert haben. Jetzt würde ich gern die nassen Schuhe ausziehen.